Wissenschaftler rekonstruieren das Gesicht einer verurteilten schottischen „Hexe“ aus dem 18. Jhd.

Neue Technologien ermöglichen es Historikern Einzelschicksale aus der Vergangenheit besser zu verstehen. Dass diese Schicksale uns alle betreffen können, zeigen Forscher aus Schottland.

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Dieser Stich aus dem Jahre 1870 zeigt eine Hexenverbrennung, Bild: Bayrisches Nationalmuseum

Lilias Adie starb im Jahre 1704 im Gefängnis, nachdem sie „gestanden“ hatte eine Hexe zu sein und Sex mit dem Teufel gehabt zu haben. Die Schottin beging vermutlich Selbstmord, um dem grauenhaften Tod auf dem Scheiterhaufen zu entgehen. Danach wurde sie hastig an einer schmachvollen Stelle an der Küste der schottischen Region Fife begraben. Rund 300 Jahre später haben Forensiker das Gesicht der zum Tode verurteilten Frau rekonstruiert.

Die Hexen-Hysterie der Frühen Neuzeit

Ab Mitte des 14. Jahrhunderts wurde Europa von einer „Hexen-Hysterie“ heimgesucht, die zwischen 1500 und 1660 zu etwa 80.000 Hinrichtungen führte. Die Annahme, dass die Jagd auf Hexen größtenteils im Mittelalter stattfand, ist ein weit verbreiteter Irrtum. Die meisten Prozesse und Verurteilungen lassen sich in die Frühe Neuzeit einordnen. Betroffen waren sowohl Frauen als auch Männer. Dass vorwiegend rothaarige Frauen verurteilt wurden, ist ebenfalls ein Mythos, wie akribisch verfasste Prozessakten aus der Zeit belegen.

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Der Hexenflug dargestellt in einer Handschrift von Martin Le Franc, Le champion des dames, 1451

Tatsächlich beschuldigten viele Menschen andere der Hexerei, um daraus einen persönlichen Vorteil zu generieren, unliebsame Personen „loszuwerden“ und Rache zu üben oder schlichtweg den Verdacht von sich selbst abzulenken. In Bezug auf Frauen schreibt Historiker Steven Katz das Phänomen der Angst vor Hexen „den andauernden grotesken Ängsten“ zu, dass sie die Männer mithilfe von Magie manipulieren würden. Auch Missernten oder Totgeburten wurden als Hexenwerk angesehen. Ein Schuldiger war in der Regel schnell gefunden.

„Es ist wichtig zu erkennen, dass Lilias Adie und die tausenden anderen Frauen und Männer, die der Hexerei im Schottland der Frühen Neuzeit beschuldigt wurden, nicht die bösen Menschen waren, als die sie in der Geschichte dargestellt wurden. Sie waren die unschuldigen Opfer einer unaufgeklärten Zeit.“

Julie Ford, Bürgermeisterin von Fife
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Die Region Fife an der Ostküste Schottlands, Bild: Wikimedia Commons

Ein typischer Hexenprozess

Lilias Adie‘s Geschichte wurde in Verhörprotokollen festgehalten und erfüllt das immer wiederkehrende tragische Muster eines klassischen Hexenprozesses aus der Zeit, welches stets aus falschen Anschuldigungen und falschen Geständnissen bestand. Eine Frau namens Jean Bizet, die laut Zeugen „betrunken zu sein schien“, erhob Vorwürfe gegen Adie. Sie warnte die Nachbarn davor, dass „Lilias Aide sie und ihre Kinder überfällt“.

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Die Landschaft von Fife, Bild: Wikimedia Commons

Daraufhin verbrachte Adie mehr als einen Monat im Gefängnis, wo sie verhört und wahrscheinlich gefoltert wurde. Letzten Endes gestand sie und erzählte von Treffen mit dem Teufel. Sie berichtete unter anderem, dass „der Teufel fleischlich bei ihr lag, seine Haut kalt und seine Farbe schwarz und blass war, er einen Hut auf seinem Kopf trug und seine Füße aus Hufen bestanden“. Häufig wurden solche Geständnisse unter Misshandlungen erzwungen. Nicht selten mussten Beschuldigte die Namen weiterer Personen preisgeben, die an den nächtlichen Hexen-Sabbaten teilgenommen hatten. Unter Schmerzen und Angst nannten sie die Namen weiterer vermeidlicher Hexen, wodurch eine Art Schneeballeffekt eintrat. Am Ende beschuldigte nicht selten jeder jeden. Aber Adie versuchte mit allen Mitteln die anderen zu schützen.

Lilias Adie war eine „Heldin“

„Ich denke, sie war eine sehr kluge und erfinderische Person. Der Sinn des Verhörs und seiner Grausamkeiten bestand darin, Namen zu bekommen. Aber Lilias sagte, dass sie die Namen anderer Frauen bei den Hexentreffen nicht nennen konnte, da sie maskiert gewesen waren. Sie gab nur Namen an, die bereits bekannt waren, und lieferte immer wieder gute Gründe, andere Frauen für diese entsetzliche Behandlung nicht zu identifizieren.“

Louise Yeoman, Historikerin
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Alte Aufnahmen von Lilias Adie’s Schädel, Bild: St. Andrews Universität

Schottlands einziges „Hexengrab“

Es ist sehr ungewöhnlich, dass Adie nach ihrem Tod überhaupt bestattet wurde. Normalerweise wurden Hexen vollständig zu Asche verbrannt, da die Menschen fürchteten, der Teufel könnte seine Anhänger von den Toten auferwecken. Aus Angst davor von Wiedergängern verfolgt zu werden, blieben keine Körper von verurteilten „Hexen“ erhalten. Adie wurde jedoch begraben. Ihre Überreste sind allerdings zum Schutz der Lebenden mit einem riesigen Stein bedeckt worden. Außerdem war ihr Begräbnis keineswegs ehrenhaft.

1852 wurde das Grab auf Anweisung des Antiquars Joseph Neil Paton exhumiert. Die Holzkiste, in der Adie’s Überreste lagen, wurde zu Spazierstöcken verarbeitet. Der Schädel der Frau ging durch mehrere Hände und war zuletzt 1938 in einer Ausstellung in Glasgow zu sehen. Dann verschwanden die Knochen. Glücklicherweise wurden jedoch Aufnahmen des Schädels in der St. Andrews Universität gemacht, was es Experten im Jahr 2017 ermöglichen sollte, Adie’s Gesicht zu rekonstruieren.

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Dr. Christopher Rynn bei der Nachbildung von Adie’s Gesicht, Bild: BBC

Ein Blick in die Augen einer verurteilten „Hexe“

Der Forensiker Dr. Christopher Rynn vom „Center for Anatomy and Human Identification“ der Dundee Universität konnte Lilias Adie’s Gesicht mithilfe von 3D-Modellierung und forensischen Gesichtsrekonstruktionsmethoden nachbilden.

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Lilias Adie starb im Jahr 1704 im Gefängnis, Bild: Dundee Universität

„Es gibt nichts in Lilias‘ Geschichte, das mir nahelegt, sie könnte heutzutage als etwas anderes, als das Opfer schrecklicher Umstände betrachtet werden. Also sah ich keinen Grund, dem Gesicht einen unangenehmen oder gemeinen Ausdruck zu verleihen. Sie hat am Ende ein ziemlich freundliches und natürliches Gesicht bekommen.“

Dr. Christopher Rynn, Forensiker am „Center for Anatomy and Human Identification“, Dundee Universität
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Lilias Adie, Bild: Dundee Universität

Das Projekt ist eine Fortsetzung einer früheren Zusammenarbeit zwischen dem Radio Scotland History-Team und dem Archäologen Douglas Speirs, der den Ort an der Küste von Fife gefunden hat, an dem Adie’s Grab wahrscheinlich einst gelegen hat.

„Es war ein wirklich unheimlicher Moment, als das Gesicht von Lilias plötzlich auftauchte. Es war das Gesicht einer Frau, zu der man eine Verbindung aufbauen konnte, weil man ihre Geschichte kannte. Das machte es aber auch etwas schwierig ihr in die Augen zu sehen.“

Susan Morrison, Moderatorin Radio Scotland
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Das Denkmal für eine 1657 verbrannte Hexe in Dunning (Perthshire), Bild: Geoffrey Davies

Ein breiteres Bewusstsein für die Vergangenheit schaffen

Heute gibt es eine Kampagne, die sich darauf konzentriert, die verlorenen Überreste von Adie wiederzufinden und ein breiteres Bewusstsein für die vielen Opfer der Hexenverfolgungen zu schaffen. Zwischen 1563 und 1736 wurden in Schottland etwa 3.800 Frauen und Männer der Hexerei angeklagt. Kate Stewart, Stadträtin von West Fife, bemängelt die fehlende Verinnerlichung dessen, „dass all diese Menschen wegen nichts getötet wurden“. Sie schlug vor ein Hexendenkmal zu errichten, um Menschen für diesen besonders wichtigen Teil ihrer Geschichte zu sensibilisieren. Im Herbst 2019 wurde aus diesem Anlass tatsächlich eine Gedenkstätte in Dunning (Perthshire) eingeweiht.


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