Was aßen die alten Babylonier? Ein Yale-Harvard-Team testet ihre Rezepte

4.000 Jahre alte babylonische Keilschrifttafeln haben Rezepte aus der Zeit festgehalten. Wissenschaftler der Yale und Harvard Universität wollen die antiken Gerichte aus Mesopotamien nachkochen. Das Youtube-Video des Yale Campus dazu befindet sich am Ende des Artikels.

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Antike Keilschrifttafeln bieten einen einzigartigen Einblick in die babylonische Kultur, Bilder: Fedor Selivanow & Stock

Schon die alten Babylonier schätzten den Wert eines guten Kochbuches. Sie präsentierten ihre Rezepte jedoch nicht in einem gebundenen Buch mit farbigen Bildern, sondern ritzten diese mit Schilfstiften in feuchte Tontafeln. Auf den Tisch kamen im antiken Babylon vor allem Eintopfgerichte mit pikantem Fleisch, Kräutern und erdigem Gemüse.

Keilschrifttafeln sind sehr selten

Insgesamt sind nur vier antike Tontafeln mit Rezepten aus der Region erhalten. Der Ton, in den damals geschrieben wurde, war feucht. So konnte die Tafel immer wieder ‚abgewischt‘ und neu beschrieben werden. Allerdings hielt sich das Dokument in diesem Zustand nicht sehr lange. Bei verheerenden Stadtbränden geschah es jedoch, dass vereinzelte oder im Depot lagernde Keilschrifttafeln versehentlich ‚gebrannt‘ wurden. Auf diese Weise wurde der Ton hart und konnte bei guten Bedingungen mehrere Jahrtausende überstehen.

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Eine guterhaltene Keilschrifttafel, Bild: Universität Jena

Eine „außergewöhnliche Kochveranstaltung“

Die vier kulinarischen Tontafeln lagen in der Vitrine der „Yale Babylonian Collection“. Ihr wertvolles Wissen wäre wohl für immer ungenutzt geblieben, hätte die Universität von New York im Mai 2018 nicht eine außergewöhnliche Kochveranstaltung initiiert. Dabei haben die Teilnehmer Lebensmittel aus der ganzen Welt verarbeitet.

Agnete Lassen, die Kuratorin der „Yale Babylonian Collection“, und Chelsea Alene Graham, Spezialistin für digitale Bildgebung am „Institut zur Erhaltung des Kulturellen Erbes“ (Institute for the Preservation of Cultural Heritage) waren Teil des Teams, das drei Eintöpfe aus einer der Tontafeln nachkochte. Dabei ging es darum so nah wie möglich an das ursprüngliche Gericht heranzureichen.

„Unsere Idee war es, die alten Übersetzungen erneut zu betrachten und herauszufinden, wo wir das Verständnis der Terminologie verbessern und ein besseres Verständnis dieser Rezepte anstreben können. Alle Rezepte stammen vermutlich von demselben Ort und aus derselben Zeit. Sie wurden möglicherweise aber nicht von derselben Person geschrieben, beziehen sich aber auf das gleiche Interesse an kulinarischen Rezepten.“

Agnete Lassen, Kuratorin der „Yale Babylonian Collection“
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Essen in der Antike – Ein Wandbild aus der untergegangenen römischen Stadt Pompeji, Bild: Interfoto

Antike Rezepte aus aller Welt

Die Veranstaltung „Appetit auf die Vergangenheit“ wurde vom Institut für Altertumswissenschaften und der Abteilung für Ernährung und Lebensmittelforschung organisiert. Insgesamt versuchten sich sieben Teams an den alten Rezepten. Dabei wurden auch antike Gerichte aus dem alten China und dem Mittelmeerraum, aus der Römerzeit und dem Mittelalter nachgekocht. Am Ende präsentierte jedes Team seine Kreationen. Alle Teilnehmer konnten die zubereiteten Speisen in einem Verkostungssymposium probieren.

Im Voraus wurden alle Gerichte bereits mehrmals gekocht und mit verschiedenen Lebensmitteln experimentiert. Dabei wurden auch Chemiker der Harvard Universität zu Rate gezogen.

„Das Studium der chemischen Prozesse war ein Schlüsselelement bei der Neuinterpretation der Rezepte. Es war wirklich eine interdisziplinäre Zusammenarbeit, die das Studium antiker Texte mit der Chemie und der Kochwissenschaft verbindet.“

Agnete Lassen, Kuratorin der „Yale Babylonian Collection“
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Kochen in der Antike – Eine römische Küche im Kastell Saalburg im Taunus (Nachbildung), Bild: Mos Maiorum

Getreidekuchen, Bierbrot und vegetarischer Eintopf

Die drei zubereiteten Gerichte waren zwei Lammeintöpfe – einer mit Rüben und einer mit Milch und Getreidekuchen. Dazu gab es dann auch noch einen vegetarischen Eintopf aus Lauch, Zwiebeln und getrockneten Klumpen aus zerstoßenen Körnern, welche später im Eintopf schmelzen. Zum vegetarischen Gericht wurde noch Bierbrot serviert. Aufgrund der Vielfalt an Zutaten, der komplexen Vorbereitung und Zubereitung, sowie des erforderlichen Kochpersonals vermutet Lassen, dass es sich hier um Rezepte für den königlichen Palast oder den Tempel gehandelt haben muss. Man könnte sagen, es ist die Haute Cuisine von Mesopotamien. Zudem seien nur wenige Köche in der Lage gewesen Keilschrift zu lesen. Die Tontafeln dienten wohl der Dokumentation der gegenwärtigen Kochkunst.

„Diese Veranstaltung gab uns die Gelegenheit, wirklich mit den Menschen aus dieser Zeit in Kontakt zu treten. Wenn Sie einige der Prozesse durchleben, mit denen diese Rezepte gekocht wurden und die Aromen schmecken, die damals beliebt waren, fühlen Sie sich der Kultur und den Menschen näher, und ich denke, das hilft uns, ihre Geschichte zu erzählen. Es ist interessant, über all die Werkzeuge nachzudenken, die uns jetzt zur Verfügung stehen, und wie das Kochen dieser Rezepte für uns so viel einfacher ist als für sie.“

Chelsea Alene Graham, Spezialistin für digitale Bildgebung am „Institute for the Preservation of Cultural Heritage“

Einige Zutaten existieren heute nicht mehr

Doch das Experiment brachte seine Herausforderungen mit sich. Manchmal gaben die babylonischen Köche keine genauen Mengenabgaben an. In solchen Fällen wurde, „nach Geschmack“ entschieden. Doch das ist noch nicht alles.

„Einige der Zutaten, die während dieser Zeit verwendet wurden, waren nicht nur nicht verfügbar, sondern zwei der Tontafeln sind schlecht konserviert – es gibt große Löcher. Einige der Begriffe, die im akkadischen Original vorkommen, sind schwer zu übersetzen, da dies Wörter sind, die in den anderen Texten, die wir haben, nicht sehr häufig vorkommen und es daher sehr schwierig ist, sie zu entschlüsseln.

Es ist sehr wichtig, zu verstehen, wie sich das Essen anfühlen und schmecken soll. Wir wussten nicht, wonach wir suchten. Als wir eines der Rezepte nachkochten, dachte ich immer, es wäre falsch, so würde ich das nicht machen. Und als es dann eine Weile gekocht hatte, verwandelte es sich plötzlich in etwas Leckeres.“

Agnete Lassen, Kuratorin der „Yale Babylonian Collection“
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Eine (fast) authentische antike Tafel mit typischen römischen Speisen, Getränken und Zutaten, Bild: André König

Ein Spiegelbild uralter Kultur

„Einen Eintopf zuzubereiten ist eine sehr grundlegende Sache des Menschen und ich denke, das ist einer der Gründe, warum wir uns wirklich für dieses Projekt entschieden haben. Es gibt etwas wirklich Menschliches an den Gerichten, am gemeinsamen Essen und Probieren, und das wollten wir mit diesen Rezepten erkunden. Vielleicht nicht ganz so, wie die Babylonier es zubereitet hätten – vielleicht schmecken unsere Zutaten ein bisschen anders – aber sie nähern sich immer noch dem, was niemand seit fast 4.000 Jahren geschmeckt hat.“

Agnete Lassen, Kuratorin der „Yale Babylonian Collection“

Die Gruppe arbeitete mit Nawal Nasrallah an den Rezepten, einem kulinarischen Historiker und Koch, der sich auf die mittelalterliche arabische Küche spezialisiert hat und die Keilschrift-Kochbücher und ihre Verbindungen zu späteren irakischen Traditionen studiert hat – was, so Graham, die Erfahrung für jedes Teammitglied um ein weiteres Mal bereicherte und ihnen half, „zwischen den Zeilen zu lesen, um mehr über die Kultur zu erfahren und die Keilschrifttafeln und Rezepte mit den Geschichten der Menschen zu bereichern, die sie geschaffen haben.“

„Durch das Wiederherstellen dieser Gerichte haben wir ein inniges Gefühl für eine tiefe Geschichte und eine Verbindung mit Menschen, die vor langer Zeit lebten, gewonnen.“

Agnete Lassen, Kuratorin der „Yale Babylonian Collection“

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