Verloren geglaubtes Gemälde von Caravaggio auf $171 Millionen geschätzt

2014 erhielt der französische Auktionator Marc Labarbe einen Anruf von einem Freund aus Toulouse. Er hatte auf dem Dachboden seines Hauses eine überraschende Entdeckung gemacht: Ein altes Gemälde, das mit Staub überzogen war und einen Wasserfleck hatte. Es schien dennoch wertvoll zu sein. Zu dem Zeitpunkt ahnte noch niemand, wie wertvoll es sein würde. Es dauerte jedoch fünf Jahre, bis es wieder in einer Galerie hängen sollte.

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Das Gemälde soll im Juni 2019 in Toulouse versteigert werden. Momentan hängt es in der Colnaghi Art Gallery in London, Bild: Michel Euler

Labarbe säuberte das mysteriöse Werk vorsichtig, machte ein Foto davon und schickte es dem in Paris lebenden Kunstschätzer Eric Turquin. Dieser identifizierte es als verloren geglaubtes Gemälde des italienischen Meisters Caravaggio, der als bedeutender Maler des Frühbarocks gilt. Sein Vorname lautet Michelangelo, weshalb er häufig mit dem gleichnamigen Künstler der italienischen Renaissance verwechselt wird, der jedoch im Jahrhundert vor Caravaggio wirkte.

Eine biblische Szenerie

Das wiederentdeckte Gemälde trägt den Titel „Judith und Holofernes“ und wurde vermutlich 1607 gemalt. In einer Pressekonferenz in Colnaghi wurde angekündigt, das Werk am 27. Juni in Toulouse zu versteigern. Es wird ein Umsatz von über 150 Millionen Euro (ca. 171 Millionen Dollar) erwartet.

„Dies ist das großartigste Gemälde, das ich je gefunden habe. Es ist sehr gewalttätig. Es ist fast unerträglich. Aber er ist ein Künstler, der den Wortlaut verkörpert – er macht den Text lebendig.“

Eric Turquin, Kunstsachverständiger
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Das Bild zeigt einen Mord, Bild: Detailansicht Cabinet Turquin

Bei dem besagten Text handelt es sich um das Buch Judith, welches in alten römisch-katholischen und ostorthodoxen Fassungen des Alten Testaments zu lesen ist. Judith war eine Witwe aus Bethulia, welches von der Armee des assyrischen Generals Holofernes belagert wurde. Um ihre Stadt zu retten, verführte sie den General in seinem Zelt und enthauptete ihn. Diese grausame Szene stellt Caravaggio in seinem Gemälde dar.

Ein Kunstwerk aus dem Exil

Laut Turquin hat das Gemälde eine komplizierte Geschichte. Es entstand, nachdem Caravaggio aus Rom geflohen war, weil er des Mordes beschuldigt wurde. Es spiegelt den markanten Stilwandel wider, den der Künstler im Exil in Neapel vollzogen hatte.

„Caravaggio wurde gegen Ende seines Lebens dunkler, düsterer. Er wurde extremer. In seinem Schaffen ist dieses Gemälde von entscheidender Bedeutung. Er erfindet etwas Neues. Er schafft dunkle Gemälde, die zu Gemälden seiner letzten Jahre werden. Je tragischer, desto bewegender, desto moderner.“

Eric Turquin, Kunstsachverständiger
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Ein Selbstporträt von Caravaggio; er malte sein Werk „Judith und Holofernes“ im Exil, nachdem er des Mordes beschuldigt wurde, Bild: Simona B.

Zweifel an seiner Echtheit – Nur eine Kopie?

Insgesamt stützen vier Dokumente die Herkunft des Gemäldes: Zwei 1607 verfasste Briefe an den Herzog von Mantua, die das Gemälde beschreiben; das Testament des Kunsthändlers und Malers Louis Finson aus dem Jahre 1617 und zuletzt eine Bestandsaufnahme des Nachlasses von Abraham Vinck, einem Mitarbeiter von Finson. Die Bestandsaufnahme wurde 1619 in Antwerpen durchgeführt.

Nach 1619 verlieren sich die Spuren des Gemäldes. Laut der Colaghi-Galerie wurde es 1689 in Antwerpen ausgestellt. Wohin es danach ging, ist ab diesem Zeitpunkt nicht mehr bekannt. Vor seiner Wiederentdeckung im Jahre 2014 gab es lediglich eine Kopie des Originalwerkes „Judith und Holofernes“, welche von Louis Finson gemalt wurde. Diese war alles, was auf die Existenz des Gemäldes hinwies.

Die Kopie von Finson wirft natürlich eine weitere Frage auf: Wie kann mit Gewissheit gesagt werden, dass es sich bei dem neuentdeckten Werk nicht nur um eine weitere Kopie des Originals handelt? Für Turquin hat ein wichtiger Aspekt die Authentizität des Kunstwerkes bewiesen: Die Lebendigkeit!

„Eine Kopie ist trocken und ohne Energie.“

Eric Turquin, Kunstsachverständiger
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Vieles weist darauf hin, dass das wiedergefundene Werk ein Original ist, Bild: Detailansicht Cabinet Turquin

Es gibt auch einige greifbarere Beweise: Das Vorhandensein von sogenannten „Pentimenti“. Das sind Spuren von Veränderungen unter der Farbe, also Linien und Untermalungen, die vom Künstler abgeändert wurden und mit der Zeit wieder zum Vorschein kamen.

„Ein Kopierer reproduziert nur genau das, was vor ihm liegt, aber ein Maler ändert seine Meinung, während er malt.“

Eric Turquin, Kunstsachverständiger

„Der hohe Preis ist gerechtfertigt“

Die hohe Bewertung der Arbeit überraschte Turquin nicht. „Es gibt eine Wiederbelebung der alten Meister, das ist klar“, erklärt er und weist auf den Verkauf von Leonardo Da Vincis „Salvator Mundi“ für 450,3 Millionen US-Dollar inklusive Gebühren hin. Hinzu kommt der für sein Alter ungewöhnlich gut erhaltene Zustand des Kunstwerkes.

„Selbst Leute, die mit der Zuschreibung von Caravaggio nicht einverstanden sind, stimmen mit der Qualität des Gemäldes übereinViele der späteren Bilder wurden beschädigt. Die Leute haben versucht, sie zu säubern, weil sie dunkel sind.“

Eric Turquin, Kunstsachverständiger
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Ein so guterhaltenes Originalwerk ist ausgesprochen selten, Bild: Cabinet Turquin

Sowohl Turquin als auch Labarbe erklären, dass sie „Judith und Holofernes“ gerne öffentlich ausstellen würden. „Ich würde es vorziehen, in ein Museum zu gehen. Ich möchte, dass es bekannt ist“, wünscht sich Turquin. Auch der Entdecker des Werkes meldet sich zu Wort:

„Wenn Sie einen Caravaggio in Ihrem Museum haben, dann haben Sie den Besten. Es gibt nur 65 seiner Bilder auf der Welt, und ich habe das 66. Bild auf einem Dachboden gefunden. Es ist unglaublich, aber es ist wahr.“

Marc Labarbe, Auktionator

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