Sensationeller Fund: Homo Sapiens bereits deutlich früher in Europa als bisher vermutet

Ein Schädelfragment aus einer Höhle in Griechenland könnte der älteste Überrest eines Homo Sapiens außerhalb Afrikas sein. Der Teilschädel wird auf ein Alter von 210.000 Jahren geschätzt. Dies würde bedeuten, dass moderne Menschen bereits vor den ersten Neandertalern in dieser Region lebten.

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Links: Schädelfragment des modernen Menschen, Rechts: Neandertalerschädel, Bild: Katerina Harvati (Eberhard Karls Universität Tübingen)

Eine Nachricht geht um die Welt

Diese Entdeckung droht die Geschichte des modernen Menschen und des Neandertalers neu zu schreiben. Die sensationelle Nachricht ging bereits um die Welt. So berichteten beispielsweise „The Guardian“, „CNN“ und die „New York Times“ über diesen erstaunlichen, ja vielleicht schicksalshaften Fund. Doch auch in Deutschland ist die Neuigkeit längst eingeschlagen.

Katerina Harvati, Direktorin für Paläoanthropologie an der Universität Tübingen, erklärt, der Schädel habe gezeigt, dass zumindest einige moderne Menschen Afrika deutlich früher als bisher angenommen verließen und geografisch weiter reisten, um sich so weit wie möglich in Europa niederzulassen.

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Fundort – Apidima-Höhle, Grafik: The Guardian

Homo Sapiens war früher in Europa bzw. Eurasien als bisher angenommen

Andere in Israel gefundene Fossilien moderner Menschen deuten, so die Forscher, bereits auf kurze Exkursionen aus Afrika hin. Dabei hätten sich Arten entwickelt, lange vor dem Massen-Exodus, bei dem sich Homo Sapiens vor etwa 70.000 bis 50.000 Jahren ausbreitete und die Welt kolonisierte. Paläontologen betrachten diese ersten Exkursionen nach Europa als „gescheiterte Ausbreitung“, wobei die Pioniere letztendlich ausstarben und kein genetisches Erbe bei den heute lebenden Menschen hinterlassen hätten.

„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine frühe Ausbreitung von Homo Sapiens aus Afrika früher stattgefunden hat als bisher angenommen, nämlich vor 200.000 Jahren. Wir sehen Beweise für die Ausbreitung von Menschen, die sich nicht nur auf einen großen Exodus aus Afrika beschränken.“

Katerina Harvati, Direktorin für Paläoanthropologie an der Universität Tübingen
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Innenansichten aus der Apidima-Höhle, Bild: Museum of Anthropology of the Medical School of the National and Kapodistrian University of Athen (veröffentlicht im Magazin „Nature“)

Älter als der Neandertaler?

Geochemiker Rainer Grün von der Universität Griffith sagt, dass die menschlichen Überreste aus der Apidima-Höhle 40.000 Jahre älter sind, als die ersten Neandertaler in dieser Region. Demnach hätten moderne Menschen bereits vor den ersten Neandertalern in der südlichen Peloponnes gelebt. Im Falle des viel besprochenen Massen-Exodus vor etwa 70.000 bis 50.000 Jahren wären die Menschen auf jedoch bereits sesshafte Neandertaler in Europa gestoßen. Der neue Fund stammt allerdings aus einer Zeit, die etwa 150.000 Jahre vor diesem „Massenauszug“ aus Afrika liegt. Der älteste zuvor bekannte Homo Sapiens in Griechenland war nur 40.000 Jahre alt, wie Harvati bestätigt.

Schädel bereits in den 70ern gefunden und „vergessen“

Die Existenz des ungewöhnlichen Fossils ist bereits seit Jahrzehnten bekannt. Ende der 1970er Jahre wurde das Schädelfragment bei Ausgrabungen in der Apidima-Höhle in dem Loch eines Kalksteinfelsens über dem Meer gefunden. Das Objekt war von einem Felsbrocken umgeben und befand sich in der Nähe zu einem anderen Schädel und mehreren Knochenfragmenten. Der Felsen selbst war zwischen den angrenzenden Wänden der Höhle eingeklemmt.

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Blick aus der Apidima-Höhle, Bild: The Week

Einmal aus der Höhle entfernt, wurde der Schädel in einem Museum in Athen aufbewahrt. Weil er beschädigt und unvollständig war, fand dieser aber bis vor kurzem nur wenig Beachtung. Der zweite Schädel, dessen Gesicht noch weitestgehend intakt ist, wurde am intensivsten untersucht und als Neandertaler identifiziert. Der erste Schädel, der nur aus dem Hinterkopf besteht, wurde ignoriert.

Harvati und ihre Mitarbeiter begannen mit der Untersuchung beider Schädel. Sie machten CT-Aufnahmen der Knochen und erstellten daraus virtuelle 3D-Rekonstruktionen. Die 3D-Modelle wurden dann mit Schädeln verschiedener moderner Menschen und Neandertaler verglichen.

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3D-Aufnahmen des menschlichen Schädelfragments, Bild: Washington Post

Erstaunliche Testergebnisse

In der Zeitschrift „Nature“ beschreiben die Wissenschaftler, wie ihre Analyse den zweiten Schädel, der einen dicken, abgerundeten Stirnkamm aufweist, als Neandertaler bestätigte. Zu ihrer Überraschung entsprach der erste Teilschädel am ehesten dem eines modernen Menschen. Der Hauptbeweis hierfür war die abgerundete Rückseite und das Fehlen einer klassischen „Neandertalerwölbung“.

„Die Rückseite des Schädels, die erhalten geblieben ist, ist sehr diagnostisch, wenn es darum geht, Neandertaler und moderne Menschen voneinander und von früheren archaischen Menschen zu unterscheiden.“

Katerina Harvati, Direktorin für Paläoanthropologie an der Universität Tübingen

Die Wissenschaftler des Teams datierten die Knochen mithilfe einer Methode, die auf dem radioaktiven Zerfall von natürlichem Uran in den Überresten beruht. Die Tests ergaben, dass der Neandertaler-Schädel mindestens 170.000 Jahre alt und der Homo Sapiens-Schädel mindestens 210.000 Jahre alt ist, wobei der sie umgebende Fels ein Alter von nur 150.000 Jahren aufweist. Der Altersunterschied zum Gestein könnte dadurch erklärt werden, dass sich die Schädel in einem Schlammstrom vermischten, der sich später in der Höhle verfestigte.

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Neandertaler (links) und Homo Sapiens (rechts) im Vergleich, Bild: Online Resize

Nach dieser neuen Theorie hätten zumindest einige moderne Menschen Afrika vor mehr als 210.000 Jahren verlassen und wären möglicherweise in der Levante sesshaft geworden, bevor sie sich Richtung Westen nach Europa ausdehnten. Im vergangenen Jahr wurde in der Misliya-Höhle im Norden Israels ein modernes menschliches Fossil gefunden, das fast 200.000 Jahre alt ist. Allerdings soll es auch einen 300.000 Jahre alten Fund aus Marokko geben.

Zweifel an der Richtigkeit der Ergebnisse

Es gibt jedoch viele Forscher, die bezweifeln, dass es sich hier wirklich um den Überrest eines modernen Menschen handelt. Sie kritisieren auch das Verfahren zur Altersbestimmung und halten alles für einen „großen Fehler“. Warren Sharp vom „Berkeley Geochronology Center“ in Kalifornien bemängelt, dass die Tests an dem angeblich modernen menschlichen Schädel wild unterschiedliche Daten hervorgebracht hätten. Dies sei ein Zeichen dafür, dass im Laufe der Zeit Uran aus den Knochen verloren gegangen sein könnte.

„Wenn dem so ist, ist das berechnete Alter des Fossils zu alt und sein wahres Alter unbekannt, was die Prämisse der Behauptung in Frage stellt.“

Warren Sharp, Berkeley Geochronology Center, Kalifornien

Juan Luis Arsuaga, ein spanischer Paläoanthropologe, sagt ferner, er sei nicht überzeugt, dass der Schädel von einem modernen Menschen stamme.

„Das Fossil ist zu fragmentarisch und unvollständig für solch eine starke Behauptung. In der Wissenschaft erfordern außergewöhnliche Ansprüche außergewöhnliche Beweise. Ein Teilschädel bei dem die Schädelbasis und das gesamte Gesicht fehlen, ist für mich kein außergewöhnlicher Beweis.“

Juan Luis Arsuaga, Paläoanthropologe
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Neandertaler (rechts) und Homo Sapiens (links) im Vergleich, Bild: Quora

John Hawks, ein Paläontologe an der Universität von Wisconsin – Madison, äußerte ähnliche Zweifel.

„Können wir wirklich einen kleinen Teil des Schädels wie diesen verwenden, um unsere Spezies zu erkennen? […] Die Hauptaussage der Behauptung beruht darauf, dass die Rückseite des Schädels runder ist, mit mehr vertikalen Flanken, und dass er dadurch modernen Menschen ähnlich sieht. Ich denke […] wir sollten nicht davon ausgehen, dass ein kleiner Teil des Skeletts die ganze Geschichte erzählen kann.“

John Hawks, Paläontologe Universität von Wisconsin – Madison

Andererseits reichte der Fund eines winzig kleinen Fingerknochens im Altai-Gebirge im südlichen Sibirien aus, um eine ganz neue Gattung „Homo“ zu entdecken. Der im Jahre 2010 entdeckte „Denisova-Mensch“ ist mit Neandertalern und modernen Menschen verwandt, unterscheidet sich jedoch von diesen so stark, dass er eine eigenständige Art genannt werden darf. Im Fall des Fingerknochens wurde ein DNA-Test durchgeführt, wodurch alle Zweifel aus dem Weg geräumt werden konnten. Weiterführende Analysen werden auch beim vielversprechenden Fund aus der Apidima-Höhle Klarheit bringen.

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„Der Aufstieg des Menschen“, Bild: Planet Wissen

Liegt die Wiege des Menschen doch nicht in Afrika?

Das Forscherteam um Madelaine Böhme vom „Senckenberg Centre for Human Evolution and Paleoenviroment“ (HEP) in Tübingen untersuchte bereits vor einigen Jahren zwei Fossilienfunde aus Südosteuropa (einen Unterkiefer – 7,175 Millionen Jahre alt; einen Zahn – 7,24 Millionen Jahre alt) und stellte eine revolutionäre Theorie auf, wie „Der Spiegel“ in Deutschland ausführlich berichtete. Diese vormenschlichen Überreste aus Griechenland und Bulgarien sind damit älter als das älteste bekannte Fossil dieser Art auf dem afrikanischen Kontinent. Demnach könnte die Wiege der Menschheit nicht wie bisher vermutet in Afrika, sondern vielmehr im Balkan liegen.

Die Abstammungslinien von Menschen und Menschenaffen hätten sich folglich bereits mehrere hunderttausend Jahre früher geteilt. Dies könnte in Europa geschehen sein. Bisher gingen Forscher davon aus, dass sich Menschen und Menschenaffen vor etwa 5 bis 7 Millionen Jahren in Ostafrika auseinander entwickelt haben. Der Fund aus der Apidima-Höhle könnte womöglich alte Wunden aufreißen und die Kritik an „Out of Africa“ erneut lauter werden lassen.


Bisher gängige Zeitleiste zur Geschichte des modernen Menschen (nach „The Guardian“):

Vor 500.000 Jahren
Homo Sapiens und Neandertaler entwickeln sich auseinander
Vor 300.000 Jahren
Datierung der Fossilien des frühen Homo Sapiens in Jebel Irhoud, Marokko
Vor 195.000 Jahren
Datierung der in Omo Kibish, Äthiopien, gefundenen Homo Sapiens Fossilien
Vor 177.000  – 194.000 Jahren
Ungefähres Datum der in der Misliya-Höhle in Israel gefundenen Homo Sapiens Fossilien
Vor 100.000 Jahren
Datierung einer in China gefundenen Fundgrube menschlicher Zähne
Vor 65.000 Jahren
Archäologischer Nachweis moderner menschlicher Präsenz in Nordaustralien
Vor 50.000 – 70.000 Jahren
Massenauszug aus Afrika, von dem alle Nicht-Afrikaner abstammen


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