Schottland: Diese Karte zeigt das Ausmaß der Hexenverfolgungen im 16. und 17. Jahrhundert

Das ist die Geschichte von 3.141 Frauen und Männern, die der Hexerei angeklagt wurden. Schottland gehörte zu den Ländern mit den meisten Hexenverfolgungen.

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Diese Karte zeigt die „Hotspots“ der Hexenverfolgungen in Schottland, einschließlich der Wohnorte der Beschuldigten, der Orte der Gerichtsverhandlungen, Inhaftierungen und Hinrichtungen, Bild: University of Edinburgh

Im Jahr 1629 wurde eine ältere schottische Frau namens Issobell Young der Hexerei angeklagt, erwürgt und danach auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Wie Nachbarn und Verwandte „bezeugten“, war Young – die Frau eines Pachtbauern in einem kleinen Dorf östlich von Edinburgh – anfällig für „verbale und manchmal körperliche Aggression“, sowie für „seltsame magische Eigenschaften“. Ihr Ehemann George Smith goss noch Öl ins Feuer, indem er behauptete, seine Frau habe versucht „ihn mit Magie zu töten, nachdem sie über einen anstößigen Hausgast geschimpft hatte“. Insgesamt haben laut den Gerichtsakten 45 Zeugen Beschwerden gegen Young eingereicht und eine Geschichte erzählt, die sich über vier Jahrzehnte entwickelt hat. Das Urteil war einstimmig: schuldig!

Mehr Bewusstsein für die Vergangenheit schaffen

Der Fall von Young ist aber nur einer von 3.141 Fällen, die Forscher der University of Edinburgh in die Karte eingetragen haben. Die Grafik wurde mithilfe eines früheren Universitätsprojektes erstellt, das den Titel „Survey of Scottish Witchcraft“ (Übersicht über die Schottische Hexerei) trägt. Dank der bereits gesammelten Daten konnten nun die Orte sichtbar gemacht werden, die mit Schottlands Hexenjagden des 16. und 17. Jahrhunderts in Verbindung stehen: Wohnorte der Beschuldigten; Haft-, Gerichts- und Hinrichtungsstätten.

„Es gibt ein sehr starkes Gefühl, dass nicht genug getan wurde, um das Bewusstsein der Menschen, für die Frauen in Schottland, die der Hexerei angeklagt wurden, zu sensibilisieren. Die Idee all diese Dinge auf einer Karte zu verorten, bringt es jedem vor die eigene Haustür. Jeder befindet sich in der Nähe eines solchen Ortes.“

Ewan McAndrew, University of Edinburgh
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Schottische Hexen, die sich „mit dem Teufel zusammengetan haben“, Wikimedia Commons

Ein anderes Beispiel ist der Fall von Janet Bayman, einer Heilerin, die wegen Zauberei und der Freundschaft mit Feen angeklagt und 1572 hingerichtet wurde. Es heißt, Boyman hätte den Tod eines Regenten vorausgesagt, fünf Kinder ohne Schmerzen zur Welt gebracht und die Elfengeister gerufen, um einen kranken Mann zu heilen. Historiker betrachten den Prozess von Boyman als eines der frühesten und umfassendsten Beispiele für die Hexenverfolgungen in Schottland.

Vier große Hexenjagden

Schottland erlebte zwischen 1590 und 1727 vier große Hexenjagden. Janet Horn war die letzte Schottin, die der Hexerei schuldig gesprochen und verbrannt wurde. Ein Großteil dieser Obsession lässt sich auf ein 1563 verabschiedetes Gesetz zurückführen, welches die Ausübung von Hexerei zum Kapitalverbrechen erklärte. Der schottische König VI., der später als James I. zum König von England gekrönt werden wollte, hatte eine besondere „Leidenschaft“ für die Hexenjagd. In einer seiner Abhandlungen verurteilt er die Hexerei und ermutigt zur „energischen Verfolgung“ von mutmaßlichen Praktizierenden.

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Diese Illustration stammt aus der Abhandlung gegen Hexerei von König James I. (1597), Bild: Wikimedia Commons

Aus der Angst vor Frauen

„Die Hexenjagden in Europa entstanden aus den anhaltenden grotesken Ängsten vor Frauen in Bezug auf ihre mutmaßlichen Fähigkeiten, Männer zu kontrollieren und die von Männern dominierte christliche Gesellschaft für ihre Zwecke zu nutzen.“

Steven Katz, Historiker

Die Motive für Anschuldigungen waren jedoch häufig komplizierter und gingen über puren Frauenhass hinaus. Die Ankläger nutzten die Hexenhysterie nicht selten für persönliche Rachefeldzüge und zum eigenen Vorteil. Letzten Endes forderte der Hexenwahn im Schottland der Frühen Neuzeit etwa 4.000 Todesopfer, doppelt so viele wie im benachbarten England. Im Vergleich zu England waren in Schottland sogar fünfmal so viele Frauen unter den Opfern. Aber auch Männer wurden verfolgt und hingerichtet. Niemand war vor einer Anschuldigung sicher.

Auch Männer unter den Opfern

Ein kleiner Blick nach Deutschland: Ein berühmtes männliches Opfer war der bamberger Bürgermeister Johannes Junius, der wahrscheinlich aufgrund persönlicher Rachegelüste anderer der Hexerei angeklagt wurde. Er schrieb im Gefängnis einen rührenden Brief an seine Tochter, in dem er seine Unschuld beteuerte. Unter Folter hatte er zuvor gestanden ein „Hexer“ zu sein. Junius wurde 1628 in Bamberg auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Sein Brief ist bis heute überliefert. Es handelt sich hier um einen außerordentlich gut dokumentierten Hexenprozess. Bamberg galt als Hochburg der Hexenverfolgungen in Deutschland.

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Ein Auszug aus dem Brief von Johannes Junius an seine Tochter, Bild: Bamberger Staatsbibliothek

Unter Folter wurden die mutmaßlichen Hexen und Hexer dazu gezwungen die Namen anderer Personen zu nennen, die am sogenannten „Hexensabbat“ teilgenommen hatten. Auf diese Weise entstand ein Schneeballeffekt und die Liste der Beschuldigten wurde immer länger.

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Das rekonstruierte Gesicht von Lilias Adie, einer verurteilten „schottischen Hexe“, die 1704 im Gefängnis starb. Hier haben wir bereits ihre Geschichte erzählt. Bild: Dundee University

„Da wo wir uns jetzt befinden, ist diese Karte eine wirklich gute Möglichkeit, um mit der Vergangenheit in Verbindung zu treten. Es scheint eine wachsende Bewegung zu geben, dass wir uns an die Frauen erinnern und verstehen müssen, was dort passiert ist.“

Ewan McAndrew, University of Edinburgh

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