Nicht von dieser Welt: Uralte Waffen aus Eisenmeteoriten

Es gibt Eisenfunde, die älter als die Eisenzeit sind. Neue Technologien zur Metallanalyse könnten die Geschichte der Menschheit neu schreiben.

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Der im Grab des ägyptischen Pharaos Tutanchamun gefundene Eisendolch stammt aus dem Jahr 1350 v. Chr. – nach den Recherchen von LiveScience etwa 200 Jahre vor der Eisenzeit, Bild: Albert Jambon

Mittlerweile förderten Archäologen einige metallische Objekte zutage, darunter antike Dolche, Äxte und Schmuck, die im wahrsten Sinne des Wortes „nicht von dieser Welt“ sind. Sie wurden zum Teil in einer Zeit angefertigt, als die Menschen noch gar nicht mit der Metallherstellung begonnen hatten. Doch wie kann das sein? Die genaue Analyse der Zusammensetzung der Metalle ergab, dass sie „außerirdischen Ursprunges“ sind. Wo „Ancient Aliens“ Anhänger ihre Chance wittern, gibt es jedoch eine viel einfachere Erklärung: Das Metall stammt von herabgefallenen Meteoriten und wurde von den Menschen des Altertums zu außergewöhnlichen Artefakten verarbeitet.

1925 fand der Archäologe Howard Carter zwei Dolche, einen aus Eisen und einen aus Gold. Sie gehörten dem Pharao Tutanchamun, der bereits als Teenager vor mehr als 3.300 Jahren im Alten Ägypten mumifiziert wurde. Die Eisenklinge mit goldenem Griff, Bergkristallknauf und mit Lilien und Schakalen verzierter Scheide hat die Forscher in den Jahrzehnten seit Carters Entdeckung verblüfft: Eisenwaren sind im Alten Ägypten selten gewesen und das Metall des Dolches war nicht verrostet.

Eisen aus dem Weltraum

Italienische und ägyptische Forscher analysierten das Eisen mit einem Röntgenfluoreszenzspektrometer (RFA), um seine chemische Zusammensetzung zu bestimmen. Sie stellten fest, dass sein hoher Nickel- und Kobaltgehalt „stark auf einen außerirdischen Ursprung hindeuten“. Sie verglichen die Zusammensetzung mit bekannten Meteoriten aus einem Umkreis von 2.000 km um die Küste des Roten Meeres in Ägypten und fanden ähnliche Werte. Tutanchamun’s Dolch hatte insgesamt einen Nickelgehalt von 11 Prozent. Eisenerze, die aus der oberen Erdkruste gewonnen werden, besitzen jedoch weniger als einen Prozent Nickel und nur wenig Kobalt. Es muss allerdings auch dazu gesagt werden, dass eisenhaltige Meteoriten, die sogenannten Eisenmeteoriten oder auch Nickel-Eisen-Meteoriten, nur etwa 5 Prozent aller Meteoriten ausmachen, die auf der Erde einschlagen. Sie sind also besonders selten.

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Der Archäometallurgiker Albert Jambon scannt einen Eisenmeteoriten mit einem Röntgenfluoreszenz-Analysator. Der tragbare Gerät kann die chemische Zusammensetzung von Objekten mithilfe eines zerstörungsfreien Scans durch Röntgenstrahlen erfassen. Bild: Albert Jambon

Der Meteorit, der den Forschern als Vergleichsprobe diente, trägt den Namen Kharga und wurde 240 km westlich von Alexandria in der Seehafenstadt Mersa Matruh gefunden. Im Zeitalter von Alexander dem Großen – dem vierten Jahrhundert vor Christus – war diese antike Stadt unter dem Namen „Amunia“ bekannt.

Albert Jambon, ein französischer Archäometallurgiker und Professor an der Universität Pierre und Marie Curie in Paris, scannte im Laufe seiner Untersuchungen mehrere alte Eisenobjekte und Eisenmeteoriten aus Museen und Privatsammlungen mit einem tragbaren RFA-Analysegerät. Insgesamt konnte ermittelt werden, dass extraterrestrisches Metall nicht nur in Ägypten, sondern auch im Nahen Osten und sogar im antiken China Verwendung fand.

Zahlreiche weitere Artefakte aus extraterrestrischem Eisen

Obwohl Menschen seit 4.000 v. Chr. mit Kupfer, Bronze und Gold gearbeitet haben, etablierte sich die Eisenherstellung erst viel später und war im alten Ägypten insgesamt selten. Im Jahr 2013 wurde festgestellt, dass neun geschwärzte Eisenperlen, die auf einem Friedhof in Gerzeh in der Nähe des Nils in Nordägypten ausgegraben wurden, aus Meteoritenfragmenten und einer Nickel-Eisen-Legierung hergestellt wurden. Die Perlen sind etwa 100 Jahre älter als Tutanchamun. Zu den ältesten gefundenen Eisengegenständen zählen auch eine Axt aus Ugarit an der Küste Nordsyriens aus der Zeit um 1.400 v. Chr. und ein Dolch aus Alaça Höyük in der Türkei, datiert auf die Zeit um 2.500 v. Chr.

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Die Eisenperlen aus dem ägyptischen Gerzeh wurden auf 3.200 v. Chr. datiert – nach den Recherchen von LiveScience etwa 1.700 Jahre vor der Erfindung des Schmelzeisens, Bild: Universität von Manchester

Laut Jambon begann die Verarbeitung von terrestrischen Erzen um etwa 3.200 v. Chr in Anatolien und dem Kaukasus. Es ist jedoch sehr schwierig festzustellen, wann genau die Eisenzeit begann und wann sie in welchem Gebiet Eingang fand. Der älteste gefundene Schmelzofen stammt aus dem Jahr 930 v. Chr. und befindet sich in Tell Hammeh in Jordanien.

„Aus Texten wissen wir, dass Eisen in der Bronzezeit zehnmal so viel wert war wie Gold. Aber in der frühen Eisenzeit fiel der Preis dramatisch, auf weniger als der von Kupfer. Dies ist der Grund, warum Eisen Bronze ziemlich schnell ersetzte.“

Albert Jambon, Archäometallurgiker und Professor an der Universität Pierre und Marie Curie, Paris

„Das Eisen, das vom Himmel kam“

Jambons Analyse zeigte auch, dass Dolch, Armband und Kopfstütze aus dem Grab von Tutanchamun aus Eisen von mindestens zwei verschiedenen Meteoriten hergestellt wurden, was darauf hindeutet, dass in der Antike eine aktive Suche nach wertvollen Eisenmeteoriten stattfand.

Da die beiden womöglich einzigen wertvollen Eisenartefakte aus dem Alten Ägypten meteoritischen Ursprungs sind, wird vermutet, dass die Menschen dem meteoritischen Eisen einen hohen Stellenwert bei der Herstellung von feinen Zier- oder Zeremonialgegenständen beigemessen haben. Forscher stellten die Hypothese auf, dass die alten Ägypter die vom Himmel gefallenen Steine sehr begehrten. Nach der Entdeckung des „Meteoriten-Dolches“ bekommt der Begriff „Eisen“ in alten ägyptischen Texten eine ganz neue Bedeutung. Im 13. Jahrhundert vor Christus sprachen die Ägypter wörtlich von dem „Eisen, das vom Himmel kam“. Damals beschrieb dieser Begriff noch alle Sorten von Eisen. Es gab folglich zu dieser Zeit, also zu Lebzeiten von Tutanchamun, keine Eisenherstellung in Ägypten.

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Dieser Eisendolch aus Alaça Höyük in der Türkei wurde auf 2.500 v. Chr. datiert. – ungefähr 1.000 Jahre vor der Erfindung des Schmelzeisens, Bild: Albert Jambon

„Schließlich hat es jemand geschafft zu bestätigen, was wir immer vernünftigerweise angenommen haben. Es gab nie einen Grund, an diesem Ergebnis zu zweifeln, aber wir konnten diese harten Daten nie wirklich hinter uns lassen. Ich finde es beeindruckend, dass sie in der Lage waren, so filigrane und gut gefertigte Objekte aus einem Metall herzustellen, mit dem sie nicht viel Erfahrung hatten.“

Thilo Rehren, Archäologe am University College London, zu „The Guardian“

Insbesondere die hohe Qualität der in Tutanchamun’s Grab gefundenen Klinge weist darauf hin, dass die damaligen Eisenverarbeiter trotz der Seltenheit dieses Materials sehr geschickt waren. Rehren fügt hinzu, dass andere Gegenstände aus Tutanchamuns Grab, darunter Schmuck und Miniaturdolche, vermutlich ebenfalls aus Meteoriteisen hergestellt wurden.

In einer neuen Studie, die im „The Guardian“ vorgestellt wurde, heißt es: „Die Einführung des neu zusammengesetzten Begriffs legt nahe, dass den alten Ägyptern bereits im 13. Jahrhundert v. Chr. bewusst war, dass diese seltenen Eisenbrocken vom Himmel fielen. Dieser Umstand nahm die westliche Kultur um mehr als zwei Jahrtausende vorweg.“

Die Ägyptologin Joyce Tyldesley von der Universität von Manchester hat in ähnlicher Weise argumentiert, indem sie behauptet, dass die alten Ägypter Himmelsobjekte, die auf die Erde gefallen waren, verehrt hätten.

„Der Himmel war für die alten Ägypter sehr wichtig. Etwas, das vom Himmel fällt, wird als Geschenk der Götter betrachtet.“

Joyce Tyldesley, Archäologin an der Universität von Manchester, im Interview mit dem Magazin „Nature“

2006 schlug ein österreichischer Astrochemiker vor, dass ein ungewöhnlich gelblicher Edelstein in Form eines Skarabäus, der Teil der Grabkette des Pharao Tutanchamun gewesen war, in Wahrheit aus Glas besteht, das in der Hitze eines Meteoriten geformt wurde, als dieser in den Wüstensand stürzte.

RFA-Spektrometrie könnte die Geschichte neu schreiben

„Es wäre sehr interessant, weitere Artefakte aus der Zeit vor der Eisenzeit zu analysieren, wie z. B. andere Eisenobjekte, die im Grab von König Tut gefunden wurden. Wir könnten wertvolle Einblicke in die Metallbearbeitungstechnologien im alten Ägypten und im Mittelmeerraum gewinnen.“

Daniela Comelli, Physikabteilung des Mailänder Polytechnikums gegenüber „Discovery News“
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Diese Eisenaxt aus Ugarit an der Küste Nordsyriens stammt aus dem Jahr 1.500 v. Chr. – etwa 300 Jahre vor der Erfindung des Schmelzeisens, Bild: Albert Jambon

Jambon hofft, mit der RFA-Spektrometrie noch älteres Eisen scannen zu können, aber der Zugang zu den antiken Artefakten ist nicht immer möglich, insbesondere in Konfliktgebieten wie Syrien und dem Irak. Sogar das Studium von Objekten in Museen kann eine Herausforderung sein.

„Aus offensichtlichen Gründen zögern Kuratoren, Artefakte zu einer ausländischen Institution zu transportieren, und aus diesem Grund müssen wir reisen.“

Albert Jambon, Archäometallurgiker und Professor an der Universität Pierre und Marie Curie, Paris

Jambon hofft, dass seine Forschung die Grundlage für die Suche nach dem frühesten Schmelzeisen auf der Erde bildet. Seine Analysen sollten seiner Meinung nach für alle Eisen zwischen 1.300 v. Chr. und 1.000 v. Chr. durchgeführt werden.

„Die ersten Eisen werden an ihrer chemischen Zusammensetzung erkannt, die sich deutlich von meteoritischem Eisen unterscheidet. Die RFA-Spektrometrie eröffnet die Möglichkeit zu verfolgen, wann und wo die ersten Schmelzvorgänge stattgefunden haben. Es ist die Schwelle zu einer neuen Ära.“

Albert Jambon im „Journal of Archaeological Science“

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