Mit Bumerang getötet: 800 Jahre altes Mysterium um Aborigine „Kaakutja“

Als William Bates, ein Ältester der Baakantji, das uralte Skelett eines grausam getöteten Aborigines am Flussufer in New South Wales fand, beschloss er den Mord an seinem Vorfahren aufzuklären. Die außergewöhnliche Kopfwunde konnte lange keiner Waffe zugeordnet werden. Eine Rekonstruktion der Todesumstände wirft mehr Licht auf das vorkoloniale Australien.

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Das vorkoloniale Skelett eines Aborigines birgt einige Rätsel, welche die Forscher zu entschüsseln versuchen, Bild: National Geographic

Im Jahr 2014 wurde das Skelett eines aus dem Mittelalter stammenden Aborigine im Sand eines Flussufers in Südaustralien gefunden. Sein Entdecker William Bates ist ein Nachfahre dieser australischen Ureinwohner und ein Ältester des indigenen Stammes der Baakantji. Die Überreste des am Fluss gefundenen Mannes wiesen unübersehbare Spuren der Gewalt auf. Er starb an einem heftigen Schlag auf den Kopf, der zu einem Bruch und einer langen Kerbe über seiner Augenhöhle führte. Bates machte es sich zur Aufgabe den grausamen Mord an seinem Vorfahren aufzuklären.

„Der Mund war weit offen. Für mich hat er um Hilfe geweint, also habe ich gesagt, ich werde dir helfen.“

William Bates, Ältester der Baakantji
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Ein indigener Jäger mit Bumerang, Australien, Bild: Corbis

Skelett älter als zuerst vermutet

Kaakutja, wie Bates und die Wissenschaftler den Aborigine aus vorkolonialer Zeit nannten, bedeutet übersetzt „älterer Bruder“. Zuerst wurde angenommen, er sei während des Blutvergießens zwischen den britischen Kolonialisten und indigenen Völkern Australiens gegen Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts getötet worden. Man vermutete, dass die lange Wunde im Gesicht von einer britischen Entermesserklinge stammte. Doch als der Paläoanthropologe Dr. Michael Westaway die Überreste an der Griffith University of Queensland genauer untersuchte, ergaben die Laborergebnisse, dass Kaakutja im 13. Jahrhundert gelebt hatte, also noch bevor die ersten Europäer einen Fuß auf den australischen Kontinent setzten.

Und obwohl der indigene Australier anscheinend so grausam getötet wurde, lässt die Bestattung vermuten, dass er kein Abtrünniger gewesen ist und der Verlust seiner Sippe sehr geschmerzt hat.

„Er war offensichtlich jemand, für den sich viele Menschen interessierten. Sein Kopf wurde bei der Beerdigung zärtlich auf ein Sandkissen gelegt.“

Dr. Michael Westaway, Paläoanthropologe Griffith University of Queensland

Durch einen Bumerang getötet?

Westaway veröffentlichte in der Zeitschrift Antiquity eine faszinierende Theorie über den mysteriösenTod von Kaakutja. Er vermutet, dass ein Bumerang die lange Wunde am Kopf verursacht hatte. Tatsächlich ist der Bumerang der Aborigines ein tödliches Werkzeug mit einer überraschend scharfen Kante.

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Die große Wunde über dem rechten Auge ist nicht zu übersehen, Bild: Dr. Michael Westaway

Ob als Waffe geworfen, als Kunstwerk bemalt oder geschnitzt, in religiösen Zeremonien als Musikinstrument mitbenutzt oder auf der Jagd eingesetzt – Der Bumerang ist vielseitig einsetzbar und zu einem globalen Symbol der Kultur der australischen Aborigines geworden. Das Wort „Bumerang“ scheint aus der Region um das heutige New South Wales zu stammen. Die ursprüngliche Bedeutung ist jedoch unklar.

Das wichtigste Attribut dieser einzigartigen Waffe: Der säbelscharfe Bumerang kehrt nach etwa 15 Metern zu seinem Werfer zurück. Jäger konnten damit ihre Beute verletzen, während Krieger diese Waffe auch im Nahkampf einsetzten. Vielleicht flog der Bumerang des Angreifers um Kaakutja‘s Schild herum und traf ihn mit ganzer Härte an seinem Kopf.

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Jagdbumerangs verschiedener indigener Stämme Australiens, Bild: Auscape

Verfeindete Stämme

Obwohl intertribale Gewalt in Australien vor dem ersten Kontakt mit Europäern noch nicht durch archäologische Beweise belegt ist, vermuten Forscher jedoch kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen indigenen Stämmen. Die Entdeckung von Kaakutja könnte eine erste große Spur sein. Allerdings wurde bereits vor etwa zehn Jahren das Skelett eines Mannes in der Nähe von Sydney ausgegraben, der vor etwa 4.000 Jahren lebte und vermutlich durch Speere mit Steinspitzen den Tod fand. Alles deutet auf rivalisierende Gruppen von Aborigines hin.

„Ich weiß nicht, ob es ein kontinentweites Phänomen war, aber wir sehen in diesem Teil von Australien Beweise dafür, dass intertribale Konflikte existierten.“

Dr. Michael Westaway, Paläoanthropologe Griffith University of Queensland
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Felsmalereien in Australien aus vorkolonialer Zeit – Männer scheinen Bumerangs zu halten, Bild: Dr. Michael Westaway

In der Nähe von Kaakutjas Fundort gibt es Felsmalereien, die zwei Stämme zu zeigen scheinen, die mit unterschiedlichen Farben bemalt wurden und mit Bumerangs, Schilden und Keulen ausgerüstet waren.

Ein Dank an die Baakantji

Während der Untersuchung des Mordfalls von Kaakutja spielte die Baakantji-Gemeinde von William Bates eine wichtige Rolle bei den Ausgrabungen und der Deutung aller Indizien. Die heute lebenden Aborigines sind sehr interessiert an der Forschung über ihre Ahnen und versuchen den Wissenschaftlern mit ihrem Wissen zu helfen.

„Ohne ihr Interesse an ihrem Erbe und ihrer Unterstützung des National Parks Service, wäre ein wichtiger Teil ihrer Vergangenheit verloren gegangen.“

Dr. Michael Westaway, Paläoanthropologe Griffith University of Queensland

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