Lag Jahrzehnte in Schublade: Mittelalterliche Schachfigur $1 Mio. wert

Für eine Familie aus Schottland wurde das Jahr 2019 vielleicht zum glücklichsten ihres Lebens. Doch auch die Historiker kommen aus dem Staunen nicht mehr raus.

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Dieser Wächter und fünf weitere Figuren des Lewis-Schachspiels waren seit ihrer Entdeckung im Jahre 1831 verschollen, Bild: Sotheby‘s

Im Jahr 1964 erwarb ein Antiquitätenhändler eine alte Schachfigur zu einem Preis von 5 Pfund. Diese lag dann jahrzehntelang in seiner Schublade, bis der alte Mann starb und seine Familie das unscheinbare Stück erbte. Die ganze Zeit über ahnte niemand etwas vom tatsächlichen Wert des Spielsteines. Im Rahmen einer Auktion erzielte die Rarität nun einen Verkaufspreis von fast 1 Million Dollar.

Die besterhaltenen mittelalterlichen Spielsteine überhaupt

Doch wie kann eine einzelne Schachfigur so wertvoll sein? Bei dem Stück handelt es sich um den Wächter der sogenannten „Lewis-Schachfiguren“. Der Satz besteht insgesamt aus 93 Figuren, welche als besterhaltene mittelalterliche Spielsteine überhaupt gelten. Sie wurden vermutlich in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts in Norwegen hergestellt und im Jahre 1831 auf der schottischen Isle of Lewis entdeckt. Die Stücke bestehen aus Walross-Elfenbein und Walzähnen.

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Die meisten Figuren wurden auf der Isle of Lewis in Schottland gefunden, Bild: Sotheby‘s

55 Jahre in Schublade verschollen

Die Umstände der Entdeckung im Jahre 1831 sind jedoch rätselhaft. Insgesamt fehlten schon bald ein Ritter und vier Wächter. Nachdem ein schottischer Antiquitätenhändler die fast 9 Zentimeter hohe Wächter-Figur im Jahre 1964 für 5 Pfund (heute etwa 100 Pfund) erwarb, verschwand diese für 55 Jahre in seiner Schreibtischschublade. Erst nach seinem Tod sollte ihr wahrer Wert bekannt werden.

Heute befinden sich 82 der 93 Figuren im British Museum in London, während 11 zu der Sammlung des National Museum of Scotland in Edinburgh gehören. Mit dem jüngsten Fund sind also alle Stücke der Lewis-Schachfiguren wiedergefunden.

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Diese Wächterfigur aus Walross-Elfenbein wurde vermutlich zwischen 1150 und 1200 von norwegischen Handwerkern geschnitzt, Bild: Sotheby‘s

Ein Brettspiel mit großer Vergangenheit

Ursprünglich stammt das Schachspiel an sich aus dem arabischen Raum und gelangte über Sizilien und Spanien nach Europa. Da die Wikinger enge Handelsbeziehungen mit den Arabern im Mittelmeerraum pflegten, brachten sie auch das Schachspiel nach Norwegen, wo sie bald ihre eigenen Figuren herstellten. Es sind bereits Schachfiguren nach skandinavischem Vorbild aus dem 10. Jahrhundert bekannt. Bei dem Lewis-Satz wurde der Vorgänger des Läufers jedoch bereits als Bischof dargestellt, wodurch sie zu den ersten abendländischen Schachfiguren zählen. Ursprünglich war der Läufer ein Elefant. Es gibt allerdings auch Figuren in Gestalt von Berserkern, die damit einer durch und durch heidnischen Symbolik im Sinne der nordischen Mythologie folgen.

„Die Lewis-Schachfiguren sind reich an Folklore, Legenden und der reichen Tradition des Erzählens und ein wichtiges Symbol der europäischen Zivilisation.“

Sotheby’s Auktionshaus in einer Pressemitteilung, London
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Diese drei Wächter wurden als Berserker dargestellt, die sich in Raserei versetzen, indem sie in ihre Schilde beißen, Bild: British Museum

„Heute sind alle Schachfiguren blass elfenbeinfarben, aber der dunkle Ton des neuentdeckten Lewis-Wächters hat eindeutig das Potenzial, wertvolle und frische Einblicke in die Vergangenheit anderer Lewis-Schachfiguren zu gewähren. Es gibt sicherlich noch mehr über die Geschichte dieses Wächters in Erfahrung zu bringen, über sein Leben in den vergangenen 188 Jahren, in denen er von seinen Mitschachfiguren getrennt war.“

Alexander Kader, Co-Leiter der „European Sculpture and Works of Art“ im Sotheby’s Auktionshaus

Inspiration für Film und Fernsehen

Die Lewis-Schachfiguren haben in Großbritannien schon fast einen mythologischen Charakter bekommen. Sie inspirierten unter anderem das epische Schachspiel im 2001 verfilmten Roman „Harry Potter und der Stein der Weisen“. Außerdem trugen sie auch zur Charakterbildung der beliebten Kinderfigur aus der Sage von „Noggin dem Nog“ bei. Die dazugehörende TV-Serie gilt als „Kultklassiker aus dem goldenen Zeitalter des britischen Kinderfernsehens“.

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Dieser Wächter ist die erste Figur des Lewis-Schachspiels, die versteigert wurde. Der Verkaufspreis belief sich auf 929.000 US-Dollar/735.000 Pfund, Bild: Sotheby‘s

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