Knochen von Neandertaler-Kind im Magen eines Terrorvogels gefunden

Vor einigen Jahren stieß ein Forscherteam in Polen auf zwei Neandertalerknochen, die ein grausiges Geheimnis bargen: Es ist das erste Mal, dass menschliche Überreste aus der Eiszeit im Verdauungssystem eines Vogels gefunden wurden.

Knochen von Neandertaler-Kind im Magen eines Terrorvogels gefunden, Geschichte, Paläontologie, Steinzeit, Naturkunde, Die Vergessene Bibliothek, Anastasia Michailova

Manche Arten der sogenannten „Terrorvögel“ konnten bis zu drei Meter groß werden, Bild: Historical Post

Die Entdeckung besteht aus zwei Fingerknochen, die einem Neandertaler-Kind gehörten, das vor etwa 115.000 Jahren von einem riesigen Vogel gefressen wurde. Die Knochen waren extrem porös, da sie durch die Magensäfte des sogenannten „Terrorvogels“ bereits angegriffen wurden. Das riesige Tier starb jedoch, noch bevor es seine letzte Mahlzeit vollständig verdauen konnte.

Knochen von Neandertaler-Kind im Magen eines Terrorvogels gefunden, Geschichte, Paläontologie, Steinzeit, Naturkunde, Die Vergessene Bibliothek, Anastasia Michailova

Die beiden kleinen Fingerknochen des Neandertaler-Kindes, Bild: Jacek Bednarczyk

Das Kind könnte lebendig gefressen worden sein

Bei diesem Fund handelt es sich um die ältesten in Polen entdeckten menschlichen Überreste. Die Knochen wurden in der auch bei Touristen bekannten Ciemna-Höhle gefunden. Es ist unklar, ob der Vogel das Kind getötet hat, oder ob er bereits einen Leichnam fraß. Laut den Wissenschaftlern ist beides durchaus denkbar.

Knochen von Neandertaler-Kind im Magen eines Terrorvogels gefunden, Geschichte, Paläontologie, Steinzeit, Naturkunde, Die Vergessene Bibliothek, Anastasia Michailova

Lebensgroße Nachbildung eines Terrorvogels im Naturhistorischen Museum in Wien, Bild: pholder

Die größten Vögel, die jemals gelebt haben

Die „Terrorvögel“, wissenschaftlich korrekt Phorusrhaciden genannt, gehörten zu den Topräubern des Paläogen und des Neogen, einem Zeitraum der vor mehr als 20 Millionen Jahren begann und vor 2 Millionen Jahren endete. Die riesigen Raubvögel starben jedoch erst vor etwa 18.000 Jahren aus. In Form von mehreren Gattungen und Arten kamen die Terrorvögel nicht nur in Europa, sondern auch in Nord- und Südamerika vor. Sie kreuzten also die Wege unserer Vorfahren. Je nach Art konnten die Tiere bis zu drei Meter groß und 350 Kilogramm schwer werden. Ihre Laufgeschwindigkeit betrug bis zu 50 km/h. Es muss erschreckend gewesen sein, einem so großen Raubvogel zu begegnen.

Knochen von Neandertaler-Kind im Magen eines Terrorvogels gefunden, Geschichte, Paläontologie, Steinzeit, Naturkunde, Die Vergessene Bibliothek, Anastasia Michailova

Die beiden kleinen Fingerknochen des Neandertaler-Kindes, Bild: Barbara Drobniewicz

Keine DNA-Analyse mehr möglich

Das Kind war zum Zeitpunkt seines Todes zwischen fünf und sieben Jahre alt. Die Fingerknochen sind weniger als einen Zentimeter klein und ziemlich schlecht erhalten. Dadurch kann leider keine DNA-Analyse erfolgen. Die Forscher sind sich jedoch sicher, dass es sich bei diesem Fund um einen Neandertaler handelt.

„Wir haben keinen Zweifel, dass dies Neandertaler-Überreste sind, da sie aus einer sehr tiefen Schicht der Höhle stammen, einige Meter unter der heutigen Oberfläche. Diese Schicht enthält auch typische Steinwerkzeuge, die von Neandertalern verwendet wurden.“

Prof. Paweł Valde-Nowak, Jagiellonen-Universität

Heute geht man davon aus, dass die Neandertaler vor etwa 300.000 Jahren in Polen zum ersten Mal auftauchten. Erst vor 35.000 Jahren sind sie dort verschwunden. Professor Paweł Valde-Nowak vom Institut für Archäologie der Jagiellonen-Universität in Krakau berichtet, dass die Anzahl der ausgegrabenen Neandertalerfunde in Polen an einer Hand abgezählt werden können.

Knochen von Neandertaler-Kind im Magen eines Terrorvogels gefunden, Geschichte, Paläontologie, Steinzeit, Naturkunde, Die Vergessene Bibliothek, Anastasia Michailova

Ausgrabungen in der Ciemna-Höhle, Bild: Paweł Valde-Nowak

Zahlreiche weitere Knochen gefunden

Beinahe wären die Fingerknochen des Kindes übersehen worden. Zu Beginn wurden diese nämlich mit Tierknochen aus der Höhle vermischt. Erst in der Laboranalyse konnten die Fingerknochen als menschliche Überreste identifiziert werden.

Es ist eine fürchterliche Vorstellung, dass ein Kind vor tausenden von Jahren von einem riesigen Raubvogel gefressen und vielleicht sogar gejagt und getötet wurde. So gesehen handelt es sich bei diesem Fund aus Polen um eine der vielleicht bemerkenswertesten Entdeckungen der frühen Menschheitsgeschichte.


Unser Buchtipp zum Artikel: „Charles Darwins Hauptwerke (3 Bände) – Die Entstehung der Arten, Die Abstammung des Menschen, Reise eines Naturforschers um die Welt“ hier bei Amazon anschauen: