Jahrzehnte der destruktiven Kunst – Eine Bilanz

Moderne Kunst ist nicht jedermanns Sache und das ganz zu Recht. Was macht die ewige Konfrontation mit dem Abstrakten, Hässlichen und Obszönen aus uns Menschen? Welche Auswirkungen hat der Mangel an Schönem in der Öffentlichkeit? Kunst besitzt eine wichtige Aufgabe in der Gesellschaft, welche sie seit geraumer Zeit nicht mehr erfüllt. Dies ist ein persönlicher Artikel, den ich bereits seit langem veröffentlichen wollte.

Jahrzehnte der destruktiven Kunst – Eine Bilanz, Zeitgeschichte, Geschichte, moderne Kunst, Die Vergessene Bibliothek, Anastasia Michailova

„Lo Stronzismo“ – Mischtechnik auf Leinwand, Rom 2017 – Zeitgenössisches kubistisches Werk, Bild: kunstnet.de

Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Es gibt so viele Geschmäcker und Vorlieben, wie es Menschen gibt. Doch so einfach ist die Sache nicht. Kunst verbirgt sich in vielen Bereichen unseres Lebens. Es ist ein abstrakter Begriff, der sich nicht leicht fassen lässt. In der Mode, in der Architektur, in der Musik, überall ist Kunst im Spiel.

Viele mögen es gar nicht glauben, aber Kunst hat tatsächlich eine nicht zu unterschätzende Aufgabe in der Gesellschaft. Sie kann einen Appell hervorbringen. Sie zeigt Missstände auf und kritisiert. In dieser Rolle ist Kunst nicht immer schön und angenehm, denn die Realität ist manchmal hässlich. Man betrachte als Beispiel den Kurzfilm „Happiness“ von Steve Cutts. Auf der anderen Seite kann Kunst auch inspirieren. Sie zeigt das Schöne und erzeugt im Betrachter ein wohliges Gefühl und Lebensfreude. Es ist ganz und gar nicht altmodisch sich an einer schönen Landschaft zu erfreuen. Für viele Kunstinteressierte ist zum Beispiel Raffaels Fresko „Die Schule von Athen“ ein Moment immerwährender Lern- und Lebenslust. Kunst kann zudem auch ungeheure Kräfte mobilisieren und Mut spenden. Man denke hierbei an die Leningrader Symphonie. Kunst spielt im Allgemeinen mit den unterschiedlichsten Gefühlen und Emotionen.

Doch wenn man sich die letzten Jahrzehnte der Kunstwelt etwas genauer anschaut, erblickt man ein großes Defizit an besagtem Schönem und Wohligem. Es fehlt der Mut, die Lebensfreude, die Inspiration, die Kraft und die Romantik. Es ist kein Platz mehr für Natürlichkeit, gesunde Proportion, Leidenschaft und Freude. Die Malerei und die plastische Kunst werden immer abstrakter und skurriler. Die Architektur wird immer grauer, eckiger und kälter. Die Musik wird immer obszöner und grausamer.

Jahrzehnte der destruktiven Kunst – Eine Bilanz, Zeitgeschichte, Geschichte, moderne Kunst, Die Vergessene Bibliothek, Anastasia Michailova

„Hermaphrodit“ von George Grosz, 1937

Woran liegt das? Und was passiert mit Menschen, denen jene ‚Kunst‘ ihr Leben lang als die neue Krone der Schöpfung, als das Beste vom Besten, als das Fortschrittlichste, das Zeitgemäßeste und das qualitativ Hochwertigste und Wertvollste verkauft wird? Was geschieht mit Generationen, die denken, dass Casper David Friedrich ein Rapper sei, Mozart eine Praline und die Klaviertöne nur in Form eines Synthesizers zu hören bekommen?

Ich möchte an dieser Stelle keinen Krieg gegen die moderne Kunst führen. Auch der Expressionismus hat so manches schönes Werk hervorgebracht, an dem sich auch der ‚konservative‘ oder ‚altmodische‘ Kunstliebhaber erfreuen kann. An dieser Stelle sei auf Werke wie „Die großen blauen Pferde“ von Franz Marc oder „Russisches Ballett“ von August Macke hingewiesen. Doch was bringt dieser Welt ein George Grosz, der eine Vorliebe für unattraktive Hermaphroditen, überproportionale faltenschlagende Penisse und hässliche böse Fratzen hat?

Jeder kann ein Künstler sein

Es ist wie bei den partizipatorischen Medien: Jeder kann dazu beitragen. Auf diese Weise ist beispielsweise dieser Artikel entstanden. Für die Kunst bedeutet dies: Wirklich jeder kann heutzutage ein Künstler sein, seine Werke präsentieren und verkaufen. Das ist nicht zuletzt die Errungenschaft der Meinungsfreiheit. Wenn jedoch wirklich jeder Beliebige eine Sache mitgestalten kann, sinkt das Niveau des Gesamtkonzeptes. Das ist ein ganz natürliches Resultat.

Eine Gesellschaft, in der ein Künstler alles malen und hervorbringen darf, ohne um sein Leben zu fürchten, die ist tatsächlich tolerant. Aber sind wir wirklich so tolerant, wie wir immer vorgeben zu sein? Und ist es de facto so gut, wenn jeder grundsätzlich alles machen darf? Dazu etwas später noch eine Geschichte.

Die zentrale Frage lautet nun: Warum produziert die große und breite Masse an Künstlern nur noch skurrile, abstrakte und obszöne Kunst? Es geht nicht mehr darum etwas auf besonders ästhetische Weise darzustellen, sich Gedanken zu machen und eine Geschichte zu erzählen. Ein Klecks auf einer Leinwand tut es auch. Die Geschichte erfinden und interpretieren Betrachter, die definitiv zu viel Freizeit haben.

Es geht mitunter nur noch darum, so verheerend wie möglich zu schockieren bzw. immer wieder zwanghaft ‚Neues‘ zu kreieren. Doch wenn jeder auf den Zug des ‚Neuen‘ aufspringt, sehen im Endeffekt alle wieder identisch aus und sind gleichsam farblos. Natürlich kann man behaupten, unsere Gesellschaft sei so pervertiert, dass sie nichts weiter als perverse Kunst verdiene und auch nichts weiter als perverse Kunst produzieren könne. Auch könnte man sagen, es sei einfach der Geist der Zeit. Wir können schließlich nicht immerwährend in der Romantik feststecken. Epochen kommen und vergehen. Man könnte auch behaupten, dass es de facto keine ‚entartete‘ Kunst geben könne, da dies dem Kunstbegriff widerspräche und als ein Versuch der Zensur zu werten ist. Aber das ist zu einfach und rechtfertigt diese Übermacht an künstlerischer Unmoral vor dem Betrachter nicht.

Jahrzehnte der destruktiven Kunst – Eine Bilanz, Zeitgeschichte, Geschichte, moderne Kunst, Die Vergessene Bibliothek, Anastasia Michailova

„Fountain“ (engl. Brunnen, Quelle) von Marcel Duchamp aus dem Jahre 1917. Es handelt sich hierbei lediglich um handelsübliches Urinal. Das Werk gilt als „Schlüsselwerk moderner Kunst“, Foto: Alfred Stieglitz

Heutzutage kann jeder allmöglichen Blödsinn fabrizieren und ihm die Maske der Gesellschaftskritik aufsetzen. Und schon bekommt er den Friedensnobelpreis, weil die Fotografie von verklebten Schamhaaren ‚für den Frieden‘ ja auch so viel mit Frieden zu tun hat. Verzeiht mir bitte dieses fiktive Beispiel, ich fürchte nur, dass es sich bald schon bewahrheitet. Immerhin hat die gebürtige Australierin Casey Jenkins, welche über langen Zeitraum mit Wolle aus ihrer Vagina einen übergroßen Schal strickte und damit auf Vorurteile gegen den weiblichen Körper ‚aufmerksam machen‘ wollte, mit ihrem langen rot-braun-weißem ‚Kunstwerk‘ einige Synapsen in meinem Kopf unwiederbringlich zerstört.

Blödsinn und Talentlosigkeit verdienen nicht die Medaille eines gesellschaftskritischen und durchdachten Werkes. Blödsinn bleibt Blödsinn. Verzeiht mir diese Impulsivität. Ich frage mich nur immer wieder, welcher Mode-Designer gerne seine eigenen unpraktischen, selbstkastrierenden, entblößenden oder lächerlichen ‚Kleidungsstücke‘ (manchmal ist es auch einfach nur vergammeltes Fleisch oder eine Mülltüte) selbst tragen möchte und welcher Architekt auf einem Stuhl sitzen will, der aus spitzen Nägeln besteht und eine halbe Tonne wiegt?

Jahrzehnte der destruktiven Kunst – Eine Bilanz, Zeitgeschichte, Geschichte, moderne Kunst, Die Vergessene Bibliothek, Anastasia Michailova

Ein ganz normaler Tag auf dem Catwalk, Bild: 40FashionTrend

Es gibt so viele Möglichkeiten eine seriöse Gesellschaftskritik nach außen zu tragen, Millionen von Menschen zu berühren, ihre Herzen zu erobern und sie zum Handeln zu bewegen. Dann würde man als Künstler auf ewig geschätzt werden. Doch in unserer heutigen Zeit spielt das alles keine so große Rolle mehr.

Beethovens 9. Sinfonie etwa beflügelte tausende Menschen die folgende schwere Zeit der politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen zu überstehen und mutig zu sein. Sie entfachte ein Feuer in den Herzen dieser Leute und nahm ihnen die Angst und den Schmerz. Natürlich muss man ein Kunstwerk immer im Zusammenhang mit dem historischen Kontext betrachten. Heute wissen wir, dass die Geschichte wie so oft anders ausging.

Vergeudetes Talent

Jedoch sind bei weitem nicht alle Künstler, die sich eher der ‚hässlichen Kunst‘ widmen, Talentlose der Generation Y. Manche von ihnen besitzen grandioses Talent und scheinbar unerschöpfliche Kreativität. Es gab einen jungen Künstler auf Instagram, der eine menschliche Hand so detailliert und realitätsgetreu zeichnen konnte, als wäre sie wirklich da. Doch er widmete sich, wie George Grosz, lieber dem Malen von schrumpeligen und verbrauchten Geschlechtsorganen und teilte seine Vorliebe für Hermaphroditen.

Ist dieser junge Künstler freiwillig den Weg der Perversion gegangen, weil er diesen als seine neue Gottheit anpreist? Ist es die Gesellschaft, die seine zuvor ästhetische Kunst nicht würdigte? Ist er wie Lady Gaga und Katy Perry, die angezogen und brav nichts erreichen konnten, aber mit nichts weiter als Klebeband auf den Brustwarzen auf einmal riesige Erfolge feierten? Was macht Nicki Minaj‘s „Fuck the skinny bitches!“ aus ihrem Song „Anaconda“ besser als das „You are so beautiful“ eines Joe Cocker? Geht es dabei wirklich noch um Talent?

Jahrzehnte der destruktiven Kunst – Eine Bilanz, Zeitgeschichte, Geschichte, moderne Kunst, Die Vergessene Bibliothek, Anastasia Michailova

Miley Cyrus – eine „Pop-Ikone“, Bild: Metro

Glücklicherweise gibt es insbesondere auf Instagram zahlreiche Künstler, die sich dem Schönen und wahrhaft Anspruchsvollen, anstatt dem Stupiden, der Gewalt und der Nacktheit zuwenden. Jedoch werden diese bei weitem nicht so gut erhört, wie ihre pervertierte Konkurrenz. Von den Medien wird lieber das Schockierende, als das Ästhetische aufgegriffen. Die Menschen wollen auch keine guten Nachrichten hören. Sie wollen in Atmen gehalten werden, sich aufregen und ihre Zähne zeigen.

„Affentheater“

An der Universität begegnete mir einst ein Flyer, den ich viele Wochen lang ratlos in meinen Händen hielt und einfach nicht verstand. Es war die Werbung für ein Theaterstück. Zu sehen war eine schwarze Frau. Die trug ein Gewand, welches an Jesus Christus erinnerte. In der einen Hand hielt sie Kondome und in der anderen Hand einen Kleiderbügel. Um was ging es in diesem Theaterstück?

Eines Tages übermannte mich die Neugierde und ich fragte einen Kommilitonen. Sein Gesicht wurde sofort zornig und er sagte mir mit energischer Stimme, dass dies eines der perversesten Theaterstücke sei, das ihm je untergekommen ist. In dieser Aufführung ging es auf sehr dramatische, kranke und abartige Weise um Abtreibung. Natürlich war der Tonus dieses Werkes abtreibungsbefürwortend. Wie könnte es anders sein? Diskussionen sind sinnlos.

Der Kommilitone erzählte mir von einer anderen Theateraufführung, die er besuchte, als er noch zur Schule ging. Nachdem die Schüler Goethe’s Faust im Deutschunterricht gelesen hatten, schlossen sich zwei Deutschlehrer zusammen, um mit ihren Schülern in eine Aufführung dieses Stückes zu gehen. Die Theatervorstellung trug den Titel „Ur-Faust“ und machte in ihren Ankündigungen den Anschein einer literaturgetreuen Darbietung. Doch was die Erwachsenen und die Kinder zu sehen bekamen, dürfte der Abgrund menschlicher Ausdrucksweise gewesen sein. Die Darsteller sprachen nicht, sie schrien ausnahmslos. Sie schlugen und bewarfen sich mit ihren eigenen Exkrementen. Das nenne ich höchste Theaterkunst. Mir persönlich tun die beiden naiven Deutschlehrer leid, die einfach nur mit ihren Schülern ins Theater gehen wollten.

Konversion als Zugangsvoraussetzung zum Kunststudium

Es folgt zum Schluss eine kleine Geschichte aus meinem Bekanntenkreis, die zeigen soll, wie tolerant die Kunstinstitute sind und wie sehr künstlerische Freiheit an Universitäten heute tatsächlich geschätzt und gefördert wird.

Eine Freundin von mir bewarb sich auf ein Kunststudium. Den Namen der Universität möchte ich an dieser Stelle nicht preisgeben. Es sei darauf hingewiesen, dass man folgende Geschichte ausgerechnet dieser Universität am wenigsten zugetraut hätte. So manches Kunstgenie der Romantik stammte aus dieser Stadt und die Menschen brüsten sich immer noch mit deren Namen und Werken.

Meine Freundin besitzt wirklich künstlerisches Talent und Leidenschaft. Sie musste im Voraus mehrere eigene Werke einreichen. Sie gab Körperstudien in Form von Zeichnungen und malerische Landschaftsszenen ab. Minimalistische und expressionistische Werke, ja auch Fotografien fanden sich in ihrem Portfolio. Sogar zwei der sieben Todsünden fertigte sie aus Ton.

Es folgte eine Ablehnung. Ihre Mappe sei zu „nichtssagend“ und im Gespräch stellte sich heraus, dass ihr Interesse an Casper David Friedrich, Dürer und Rubens, ja allgemein auch an der Romantik, nicht gern gesehen ist. Wer Kunst studieren wolle, müsse sich der modernen Kunst zuwenden. So lautete die Forderung. Diese Antwort bekam sie von einem Professor, der Schwämme in Farbe taucht und gegen eine Leinwand feuert, der Farbeimer fotografiert und daraus eine Ausstellung macht. Meine Freundin schrieb mir über ihren Professor: „Als ich seine Homepage ansah, fiel ich halb vom Glauben ab“.

Ein Resümee und ein Hoffnungsschimmer

Vielleicht ist schöne und ästhetische Kunst auch einfach zu langweilig in einer Welt, in der künstliche Probleme geschaffen werden, um dem selbstgewählten tristen Alltag zu entfliehen. Vielleicht wollen die Menschen einfach das Stupide, Hässliche und Grausame Tag für Tag in ihre Gemüter lassen, bis sie selbst so werden wie das, was sie sich dauerhaft antun. Dann dürfen sie sich jedoch nicht beschweren, dass die Gesellschaft immer unsensibler, chaotischer, unzuverlässiger und brutaler wird.

Künstler haben uns anderen Menschen gegenüber eine Verantwortung, die sie seit geraumer Zeit nicht mehr zufriedenstellend erfüllen, die gesamte Szene immer weiter in die Tiefe reißen und es werdenden Künstlern und kreativen Köpfen immer schwerer machen auch eine ästhetische, motivierende und lebensbejahende Kunst zu erschaffen. Den wahrhaft Talentierten kommt jedoch glücklicherweise das Internet zugute. Veröffentlichen darf jeder, das Publikum ist lediglich gelinde gesagt ‚unentschlossen‘. Ich fordere hiermit keine Zensur, sondern schlichtweg Besinnung. Ein gesunder Mensch weiß was gut ist. Er braucht keine Gesetze, die ihm dieses oder jenes vorsetzen oder verbieten.

So bleibt also nur noch die Hoffnung, dass die ‚entartete‘ Kunst, genauso wie manche anderen Dinge, nichts weiter sind als ein Trend, der irgendwann vorbeigeht, an den man sich zurückerinnert und herzhaft lacht. Ich schließe mit dem Satz: Das Leben findet einen Weg.