Israel: Größtes bisher bekanntes Weingut aus der Kreuzritterzeit entdeckt

Eine Gemeinde versucht mithilfe eines Archäologen ihre eigene Geschichte zu retten und macht dabei einen erstaunlichen Zufallsfund.

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Kreuzritter in Jerusalem, Bild: Tiberius Film

Als der Archäologe Dr. Rabei Khamisy Ausgrabungen an einer Burg vornahm, die von König Baldwin III. während der Kreuzfahrerzeit erbaut worden war, hatte er keine Ahnung, dass sich der größte jemals gefundene Weinkeller aus dieser Epoche unter dem Boden eines nahegelegenen Hauses befand.

Eine Burg mit großer Vergangenheit

Baldwin III. ist der Enkel eines Kreuzritters, der im Jahre 1099 im Rahmen des ersten Kreuzzuges an der Eroberung Jerusalems beteiligt gewesen war. Baldwin bestieg noch als Kind den Thron der heiligen Stadt und besaß eine Festung, die in der galiläischen Stadt Mi’ilya um 1160 errichtet wurde. „Wir wissen nicht, wann wir erobert wurden, aber es war wahrscheinlich in der frühen Kreuzfahrerzeit, mit dem Fall von Acre im Jahr 1104“, erklärt Khamisy.

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Burgruinen in Mi’ilya, Bild: Wikimedia Commons

König Baldwin von Jerusalem ließ Festungen errichten, um die Verteidigung seines Reiches zu sichern. Er regierte viele Jahre gemeinsam mit seiner Mutter Prinzessin Melisende, doch zwischen den beiden kam es zu einem folgenreichen Streit. Dieser endete in einem Bürgerkrieg.

Es gibt allerdings keine genauen Beweise dafür, dass Baldwin die Festung in Mi’ilya erbauen ließ, so Khamisy. Auf der anderen Seite hätten die Forscher allerdings auch keine alternative Theorie. Die Burg ist im sogenannten „Quadriburgium-Stil“ (mit vier Ecktürmen) errichtet worden, was typisch für Baldwins Zeit im 12. Jahrhundert gewesen ist, versichert der Archäologe. König Baldwin wird wahrscheinlich nicht auf dieser Burg gelebt haben, jedoch wurde ein Teil seines Königreiches von dort verwaltet.

Die Burg in Mi’ilya blieb erstaunlicherweise bis heute erhalten, obwohl das Heilige Land jahrhundertelang von Juden, Muslimen und Christen umkämpft war. Sogar die Griechen und Römer haben dort einst ihre Spuren hinterlassen. Heute ist Mi’ilya eine von insgesamt nur zwei christlichen Städten in ganz Israel.

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Gemälde von Carl Friedrich Lessing um 1834/36: „Kreuzritter auf der Wacht in einer rauhen Felslandschaft“, Bild: Joseph Fach – Galerie und Kunstantiquariat

Eine Gemeinde rettet ihre eigene Geschichte

Fast wäre die uralte Burg im Sand der Zeit verschwunden. Jahrelang verfiel sie vor den Augen der Einwohner und die örtliche Stadtverwaltung weigerte sich etwas dagegen zu unternehmen, außer Straßen zu sperren und alle Zugänge zu diesem alten Wahrzeichen zu blockieren. Die Mauern bröckelten und die riesige Ruine wurde zu einer Gefahr für alle Neugierigen, die dennoch Erkundungstouren auf eigene Faust wagten.

Khamisy, der gegenüber der Burg wohnt, beschloss aktiv zu werden. Doch anstatt die Regierung um Hilfe zu bitten, appellierte er direkt an die Bevölkerung und sammelte Spenden. Es reichte um zumindest die am schlechtesten erhaltenen Teile der Festung wiederherzustellen und die Ruine im Allgemeinen zu stabilisieren.

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Restaurierungsarbeiten an den Burgmauern, Bild: Dr. Rabei Khamisy

„Die Einwohner von Mi’iya lieben Archäologie“, versichert Khamisy. Er bat die Familien aus der Umgebung insgesamt 66 Schekel pro Person zu spenden. Dies entspricht dem Preis von zwei Päckchen Zigaretten. Als Gegenleistung würde sich Khamisy darum kümmern, das Kulturgut zu erhalten. Um die mittelalterlichen Burgmauern zu reparieren, benutze der Archäologe Steine aus der osmanischen Zeit, die kleiner aber dafür handlicher waren.

Für die Stadt existieren jedoch kaum Zeugnisse und Überlieferungen aus der osmanischen Zeit. Insgesamt klafft eine Lücke von 200 Jahren in der Geschichte von Mi’ilya. Es wird vermutet, dass die Stadt damals von der Pest heimgesucht oder von einem Erdbeben verheert wurde. „Wir finden weder Erwähnungen noch Tonscherben aus dieser Zeit“, erklärt Khamisy.

Es gibt in Mi’ilya jedoch ein einziges Haus, das mit Sicherheit der besagten osmanischen Periode zugeordnet werden kann. Es gehört der Geschäftsfrau Salma Assaf und wurde innerhalb der Burgmauern erbaut. Assaf war neugierig, was sich wohl unter ihrem Haus befinden könnte und bat Khamisy die Ausgrabungen auf ihr Grundstück auszuweiten.

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Das Gewölbe, das nachträglich von den Mameluken über die Grube aus der Römerzeit gebaut wurde, Bild: Dr. Rabei Khamisy

Ein einzigartiger Zufallsfund

Die Archäologen hätten kein größeres Glück haben können. Es stellte sich heraus, dass Assafs Haus auf einem riesigen Weinbaubetrieb errichtet wurde. Es handelt sich hierbei um das größte Weingut aus der Kreuzfahrerzeit, das jemals entdeckt wurde.

„Die Byzantiner hatten viel größere Weingüter. Aber die Kreuzritter besaßen, soweit wir wissen, nichts Vergleichbares.“

Dr. Rabei Khamisy, Archäologe

Die Römer hatten dort bereits zu ihrer Zeit eine Grube gegraben, die die Kreuzritter nutzten, indem sie Trittböden bauten, damit der Saft aus den Trauben in die Grube abfloss. Die Grube, die also bedeutend älter als die Kreuzfahrerzeit ist, sollte später von einer Gewölbedecke bedeckt werden. Diese wurde vermutlich von den Mameluken errichtet, die zwischen dem 9. und dem 19. Jahrhundert als Sklaven unter den Osmanen dienten. Besonders außergewöhnlich an diesem Weinbaubetrieb ist, dass es nicht nur einen, sondern gleich zwei Trittböden zum Zerkleinern der Weintrauben gibt.

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Der Weinbaubetrieb besaß zwei Trittböden zur Weinherstellung, Bild: Dr. Rabei Khamisy

Leider ist keine einzige Weinflasche aus der Zeit erhalten geblieben. Allerdings ist einiges über die Geschichte des Weinanbaus in der Region durch Kreuzritterdokumente überliefert.

„Es könnte noch ältere Siedlungen geben, aber die Kreuzfahrer haben diese wohl abgerissen. Das taten sie bereits in der Vergangenheit.“

Dr. Rabei Khamisy, Archäologe

Große Pläne für die Zukunft

Frau Assaf hat zu Ehren der Burg ein kulinarisches und touristisches Zentrum in ihrem Haus über dem Weingut eröffnet. Es verfügt über einen glasverkleideten Boden, der die Besucher einen Blick auf die Ausgrabungen werfen lässt. So können sie alles hautnah miterleben. Gemeinsam mit Frau Assaf möchte Khamisy ein Museum eröffnen, in dem regionale Artefakte aus der Jungsteinzeit ausgestellt werden. Zusätzlich soll ein lokales Weingeschäft entstehen.

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Weinbau in der Region Mi’ilya heute, Bild: Twitter @TerraSanctaCo

Der Fund von Mi’ilya zeigt, wie eine Gemeinde zusammenhält, um ihre eigene Geschichte zu erforschen und zu erhalten. Dies führte zu einer einmaligen Entdeckung. Vielleicht sollten Archäologen wie Dr. Rabei Khamisy mehr Unterstützung bekommen, damit im Kleinen intensiver nach den Geheimnissen der Vergangenheit gesucht werden kann.


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