Herculaneum: Der Vesuv verwandelte menschliche Gehirne zu Glas

Die archäologischen Stätten von Pompeji, Herculaneum und Oplontis sind eine wahrhaftige Zeitkapsel. Der Ausbruch des Vesuvs im Jahre 79 n. Chr. führte zu einem heißen pyroklastischen Strom, der alles und jeden unter sich begrub und zum Teil für die Ewigkeit konservierte. Plinius der Jüngere, der Augenzeuge dieser Naturkatastrophe wurde, beschrieb die Eruption als eine „ins Tal stürzende schwarze Wolke“. Die neueste Entdeckung bringt Wissenschaftler jedoch ins Grübeln.

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Dieser Mann wurde vom Vulkan zu Stein verwandelt. Seine Zähne sind jedoch so gut erhalten, dass Wissenschaftler Rückschlüsse auf die Zahngesundheit in der Antike ziehen konnten. Im Römischen Reich scheint es beispielsweise keine Karies gegeben zu haben – dem mediterranen Essen sei Dank!, Bild: EuroNews

Im Angesicht des Todes

Für Archäologen ist die einstige Katastrophe am Golf von Neapel eine einmalige Gelegenheit in die Welt der Antike einzutauchen, auch wenn die Wissenschaftler dabei manchmal an ihre Grenzen gehen müssen. Neben verkohltem Brot und guterhaltenen zweistöckigen Gebäuden, entdeckten sie auch die Überreste von Menschen, die entweder versteinert oder tief unter glühend heißer Asche begraben wurden.

Die Asche kühlte nach der Eruption wieder ab und verfestigte sich. Mit der Zeit verrotteten die menschlichen Körper im Inneren ihres zu Stein gewordenen Gefängnisses. Zurück blieben Hohlräume, die von Wissenschaftlern mit Gips gefüllt werden. Die Ergebnisse sind erschreckend: Zu sehen sind Menschen im Augenblick ihres Todes. Menschen, die versuchen zu fliehen, während sie bei lebendigem Leib verbrennen. Betend, flehend, das Gesicht verziehend – es scheint, als würden sie immer noch um ihr Leben kämpfen. Manche Menschen lagen sich im Moment ihres Todes in den Armen.

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Diese Gipsfigur ist buchstäblich eine Momentaufnahme, Bild: vulkane.net

Zu Glas gewordene Gehirne

Pier Paolo Petrone von der „Universität Neapel Frederico II.“ und seine Kollegen veröffentlichten einen Artikel im „New England Journal of Medicine“, in dem sie ein glasartiges schwarzes Material beschreiben, das sie in einem menschlichen Skelett in Herculaneum gefunden haben. Die Überreste des Mannes, der womöglich Hausmeister in dem Gebäude gewesen ist, in dem er geborgen wurde, deuten darauf hin, dass er nicht fliehen konnte und in seinem Bett starb, als der pyroklastische Strom über ihn und die gesamte Stadt hinwegzog.

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Dieses schwarze glasartige Material haben Wissenschaftler im Schädel eines Opfers aus Herculaneum entdeckt, Bild: Pier Paolo Petrone

Auf das dunkle, glasartige Material stieß Petrone als er das Skelett gründlicher untersuchte. Es befand sich auf der Innenseite des Schädelknochens. Bereits in einer früheren Studie vermutete der Wissenschaftler, dass schwarze Rückstände auf den Knochen aus Herculaneum auf Eisen und Blut zurückzuführen sind. Nun ist er sich sicher, dass die enorme Einwirkung von Hitze auf den Kopf des Mannes zu einer „Verglasung“ seines Gehirns geführt hatte. Der Begriff der Verglasung bezieht sich hier laut Petrone auf Substanzen, die „aufgrund von hohen Temperaturen in glasartiges Aussehen umgewandelt wurden“.

Nun mussten die Wissenschaftler Belege für ihre Hypothese finden. Sie führten eine sogenannte Preteomanalyse durch, bei der alle auffindbaren Proteine identifiziert werden mussten. Piero Pucci vom „Avanzat Centro di Ingegneria Genetica-Biotecnologie“ in Neapel konnte insgesamt fünf Aminosäuren, also Bestandsteile von Proteinen, isolieren. Zwei von ihnen (Adipinsäure und Margarinsäure) sind „Teil des menschlichen Haarfetts“, die anderen drei (Stearinsäure, Palmitinsäure und myristische Säuren) kommen jedoch tatsächlich in menschlichen Gehirnen, sowie allgemein in pflanzlichen und tierischen Fetten vor. Allerdings enthielten weder andere Knochen, noch am Fundort wachsende Pflanzen diese Aminosäuren. Sie müssen also wirklich aus dem Schädel des Skeletts stammen.

„Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass das verglaste schwarze Material auf die Exposition (das Ausgesetztsein von Lebewesen gegenüber schädigenden Umwelteinflüssen) des Gehirns des Opfers bei hohen Temperaturen zurückzuführen ist.“

Pier Paolo Petrone, Universität Neapel Frederico II.
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Ein Gipsabguss aus Pompeji, Bild: GetYourGuide

Verdampft, verbrannt oder gebacken?

Um die tatsächliche Temperatur, der die Menschen im Augenblick des pyroklastischen Stroms ausgesetzt waren, wird in der Forschung immer noch gestritten. Während Petrone davon überzeugt ist, dass das Weichgewebe der Opfer bei über 500 Grad Celsius „verdampfte“ und sich das Körperfett entzündete, sind manche Wissenschaftler jedoch anderer Meinung.

Tim Thompson, ein forensischer Anthropologe an der Teesside University in Großbritannien glaubt nicht an die „Verdampfungs-Theorie“. Er behauptet, dass diese weder durch experimentelle Arbeiten noch durch forensische Fälle gestützt wird, selbst wenn die Temperatur 1.000 Grad Celsius beträgt.

Thompson und seine Kollegen vermuten vielmehr, dass die Opfer von Herculaneum möglicherweise durch geringere Hitzeeinwirkung „gebacken“ wurden. So oder so wäre es ein grausamer Tod gewesen.

„Ich habe so etwas (verglastes Gehirn) noch nie gesehen, was an sich schon interessant ist. Wir müssen mehr Forschung in diesem Bereich betreiben, um zu sehen, ob wir die Bedingungen reproduzieren können, unter denen glasartiges Material entsteht, um die wahre Tragweite zu verstehen.“

Tim Thompson, forensischer Anthropologe an der Teesside Universität (GB)
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Pompeji heute – mit dem Vesuv im Hintergrund, Bild: reiserei.com

Genaue Todesursache unbekannt

Die genaue Todesursache des Mannes aus Herculaneum ist heute nicht mehr genau festzustellen. Seine Leiche wurde durch postmortale Einwirkungen schwer beschädigt, wodurch sich die „Aschematrix“ um ihn herum verfärbte. Der Schädel weist Risse auf, die deren von anderen Herculaneum-Opfern ähneln. Es ist nicht klar, ob die Risse durch Hitzeeinwirkung, durch vom Himmel fallenden Bimsstein oder durch einstürzende Gebäude verursacht wurden. Die Bioarchäologin und Wissenschaftsjournalistin Kristina Killgrove schlussfolgert aus ihren Untersuchungen von insgesamt 64 Skeletten in Herculaneum, dass diese unterschiedlichen Prozessen ausgesetzt waren, obwohl sie sich weitestgehend an ein und demselben Ort befanden. Was jedem einzelnen von ihnen im Detail zugestoßen ist, lässt sich nur schwer rekonstruieren.

Es bleiben abschließend immer noch viele Fragen über den Tod der Opfer von Pompeji, Herculaneum und Oplontis offen. Neue Forschungen zu den Todesursachen und postmortalen Einwirkungen eröffnen den Archäologen jedoch neue Perspektiven für das Verständnis der Ereignisse in der Bucht von Neapel an diesem schicksalshaften Tag im Jahre 79 nach Christus.


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