Habsburger: Wie Inzest die Gesichter der Königsfamilie prägte

Viele Jahrhunderte lang regierten die Habsburger in Europa. Mithilfe von strategischen Hochzeiten sicherten sie ihre Macht. Doch der daraus hervorgehende Inzest brandmarkte viele Adlige.

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Karl II. von Spanien (1661-1700), Bild: Museo del Prado, Madrid.

Zum Stammbaum der Habsburger gehörten etwa 6.000 Mitglieder mit über 20 Generationen. Einen Habsburger erkannte man häufig schon am Gesicht: herabhängende Nasenspitze, markantes Kinn oder hervorstehende Unterlippe. Die zum Teil skurrilen Merkmale nannte man schon bald die „Habsburger Lippe“ oder die „Habsburger Nase“. Forscher gehen nun neuen Hinweisen nach, die darauf hindeuten, dass die zahlreichen Fehlbildungen durch Inzest hervorgerufen wurden.

„Die Macht bleibt in der Familie“

Der Monarchie ist es eigen, dass Adlige nur andere Adlige heiraten. Früher oder später führt dies unweigerlich dazu, dass die genetische Vielfalt innerhalb der Adelshäuser immer geringer wird. Selbst über den gesamten europäischen Kontinent hinweg verdichteten sich die Verwandtschaftbeziehungen innerhalb der Königsfamilien. So geschah es, dass Monarchen plötzlich Thronfolger eines absolut fremden Landes wurden, dessen Sprache sie nicht einmal verstanden.

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Kaiser Leopold I. (1640-1705), Bild: Atomojvi

Die Habsburger waren hierbei keine Ausnahme. Sie heirateten vorwiegend innerhalb der Familie und sicherten sich so ihre Vorherrschaft in Europa. Erst als der Erste Weltkrieg sein Ende fand, zerfiel auch das Reich der Habsburger. Forscher vermuten, dass die Inzest bei ihrem Untergang eine zentrale Rolle gespielt haben könnte.

„Die Habsburger-Dynastie war eine der einflussreichsten in Europa. Wir zeigen zum ersten Mal, dass es einen eindeutigen Zusammenhang gibt zwischen Inzucht und dem Habsburger Unterkiefer.“

Roman Vilas, Universität Santiago de Compostela

„Dominant“ oder „rezessiv“?

Obwohl sicher war, dass es Inzest in der Familie der Habsburger gab, stand der konkrete genetische Beweis noch aus. Es fehlte einfach an genetischem Material der einzelnen Familienmitglieder. Doch eine aktuelle Studie wollte den genauen Verwandtschaftsverhältnissen auf die Spur kommen.

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Kaiser Rudolf II. (1552-1615), Bild: Regomaniq

Warum genau Fehlbildungen mit Inzest zusammenhängen, ist im Einzelnen immer noch nicht endgültig geklärt. Es wurde zuerst vermutet, dass zum Beispiel das Gen für eine Unterkiefer-Fehlbildung lediglich dominant sei. Wäre dies der Fall, könnten sich auch bestimmte Fehlbildungen in der Familie häufen, ohne dass Inzest eine Rolle spielt.

Wissenschaftler vermuten jedoch, dass Unterkiefer-Fehlbildungen rezessiv vererbt werden, also nur auftreten, wenn beide Eltern die betreffenden Gene in sich tragen. Wenn beide Elternteile miteinander verwandt sind, dann ist auch das Risiko für eine Fehlbildung höher. Das ist letztendlich der Preis für „Inzest“. Die Ergebnisse der nachfolgenden Untersuchungen scheinen diese Hypothese zu bestätigen.

Eine intensive Porträtanalyse

Ein Expertenteam aus Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen analysierten zahlreiche Porträts von insgesamt 15 Habsburgern. Die Mediziner konzentrierten sich hierbei auf 18 Merkmale, die zur Kennzeichnung der charakteristischen Deformierungen von Ober- und Unterkiefer ausgesucht wurden.

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Die Unterkiefer-Fehlbildung bei Philip IV. (1605-1665) war besonders stark ausgeprägt, Bild: Christophel Fine Art

Sie stellten unter anderem fest, dass Philip IV. die am stärksten ausgeprägte Fehlbildung im Unterkiefer aufwies. Er regierte Spanien und Portugal von 1621 bis 1640. Die mit Abstand markanteste Fehlbildung im Oberkiefer hatte hingegen Karl II. Er war der letzte spanische Habsburger-König und regierte das Land von 1665 bis 1700.

Stammbaumanalyse liefert genaue Zusammenhänge

Zusätzlich zur Porträtanalyse untersuchten die Forscher auch die Stammbäume der Habsburger, um die tatsächlichen Verwandtschaftsbeziehungen innerhalb der 6.000 Mitglieder über einen Zeitraum von 20 Generationen zu ermitteln. Die Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass Fehlbildungen vorwiegend bei den Habsburgern auftraten, deren Vorfahren besonders eng verwandt waren. Es ist also davon auszugehen, dass die typischen Gesichtszüge das Resultat von Inzest sind.


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