Geheimnis gelüftet: Forscher entschlüsselt das mittelalterliche Voynich-Manuskript

Jahrzehntelang hielt dieses mysteriöse Schriftstück Wissenschaftler aus aller Welt in Atem. Doch vielleicht ist die Lösung dieses Rätsels viel einfacher als gedacht.

Geheimnis gelüftet: Forscher entschlüsselt das mittelalterliche Voynich-Manuskript, Mittelalter, Geschichte, Naturkunde, Die Vergessene Bibliothek, Anastasia Michailova

Eine Untersuchung des über 200 Seiten langen Voynich-Manuskriptes aus dem Jahr 2016, Bild: Cesar Manso

Codebreaker, Linguisten und Computerprogramme versuchten vergeblich das sogenannte „Voynich-Manuskript“ aus dem 15. Jahrhundert zu lesen. Einige spekulierten sogar, es sei von Außerirdischen geschrieben worden. Doch nun glaubt ein britischer Wissenschaftler das Geheimnis gelüftet zu haben.

Berühmte Vorbesitzer

Im Verlauf der Zeit ging das außergewöhnliche Artefakt durch viele Hände, unter anderem durch die des polnischen Büchersammlers und Antiquars Wilfrid Michael Voynich, nach dem das Schriftstück benannt wurde. Sogar Rudolf II., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, war sein Besitzer. Heute lagert es in der „Beinecke Rare Book and Manuscript Library“ der Yale Universität.

Geheimnis gelüftet: Forscher entschlüsselt das mittelalterliche Voynich-Manuskript, Mittelalter, Geschichte, Naturkunde, Die Vergessene Bibliothek, Anastasia Michailova

Sehr detaillierte Illustrationen, Bild: Universal History Archive

Eine unbekannte Schrift

Was macht das Voynich-Manuskript zu so einem geheimnisvollen Objekt? Radiokarbon-Analysen an Instituten in Chicago und Arizona konnten das Alter des Schriftstückes ziemlich genau auf den Zeitraum zwischen 1404 und 1438 bestimmen. Bereits zuvor datierten Experten die Handschrift, das Papier und den Stil der zahlreichen Illustrationen auf das 15. Jahrhundert. Damit wurde das Voynich-Manuskript im Mittelalter, genauer gesagt im Spätmittelalter, angefertigt.

Besonders skurril ist das „Voynich-Alphabet“. Das mit der Hand geschriebene Dokument besteht aus etwa 170.000 einzelnen Glyphen, die heute absolut unbekannt sind. Das Alphabet selbst lässt sich auf etwa 30 Zeichen zusammenfassen. Der Text ist flüssig niedergeschrieben worden, weshalb Forscher immer vermuteten, dass der Autor dieser „Sprache“ tatsächlich mächtig war und nicht einfach nur ein vorhandenes Schriftstück kopierte.

Geheimnis gelüftet: Forscher entschlüsselt das mittelalterliche Voynich-Manuskript, Mittelalter, Geschichte, Naturkunde, Die Vergessene Bibliothek, Anastasia Michailova

Botanische Darstellungen, Bild: Süddeutsche Zeitung

Pflanzen, die nicht existieren

Doch nicht nur der Text lässt Fragen aufkommen. Besondere Bekanntheit erlange das Voynich-Manuskript aufgrund seiner zahlreichen Illustrationen. So zeigt es beispielsweise eine Vielzahl von Pflanzen und Kräutern, die jedoch mit keiner heute bekannten Art übereinstimmen. Zudem kommen in diesem Werk auch astronomische, anatomische und pharmazeutische Themen zum Tragen. So werden etwa die Tierkreiszeichen und nackte Frauen dargestellt oder vermeidliche Rezepte für Medikamente aufgeführt.

Ein „Eureka“-Moment

Nachdem Generationen von Wissenschaftlern und anderen Interessierten vergeblich versuchten das Voynich-Manuskript zu entschlüsseln, scheint ein Mitarbeiter der Universität von Bristol im Westen Englands das Geheimnis um das mysteriöse mittelalterliche Schriftstück gelöst zu haben. Der Brite David Cheshire beschreibt seine Begeisterung, als er „das Ausmaß der Errungenschaft erkannte, sowohl hinsichtlich ihrer sprachlichen Bedeutung als auch der Enthüllungen über die Herkunft und den Inhalt des Manuskripts“. Seine bisherigen Forschungsergebnisse veröffentlichte er in der Zeitschrift „Romance Studies“.

Eine ausgestorbene Sprache

Der Schlüsselmoment überkam den Wissenschaftler, als er erkannte, dass es sich hier um eine ausgestorbene Sprache handeln muss, die zugleich der Vorläufer mehrerer moderner europäischer Sprachen ist. Die Sprache selbst war Protoromanisch, mit anderen Worten eine Art „Vulgärlatein“. Als Cheshire diese Verbindung herstellte, dauerte es nur zwei Wochen, um den Code des mittelalterlichen Dokumentes zu entschlüsseln.

Geheimnis gelüftet: Forscher entschlüsselt das mittelalterliche Voynich-Manuskript, Mittelalter, Geschichte, Naturkunde, Die Vergessene Bibliothek, Anastasia Michailova

Abbildungen von nackten Frauen beim Baden, Bild: tagesanzeiger.ch

Es stellte sich heraus, dass es in dem Werk inhaltlich beispielsweise um Frauen geht, die verzweifelt versuchen ungezogene Kinder zu baden oder um die Rettungseinsätze nach einem Vulkanausbruch und die daraus neu entstandenen Inseln auf dem Meer. Cheshire glaubt, dass das Voynich-Manuskript von dominikanischen Nonnen in Spanien als Referenzquelle für die Königin von Aragon, Maria von Kastilien, zusammengestellt wurde.

Die protoromanische Sprache des Schriftstückes ist ein Vorfahre des modernen Spanischen, Portugiesischen, Französischen, Italienischen, Rumänischen, Katalanischen und Galizischen. Obwohl Latein die offizielle Sprache der Könige war, schien diese andere wiederentdeckte Sprache dennoch allgegenwärtig zu sein. Das damalige Königreich Aragon in Ostspanien kontrollierte im Spätmittelalter große Teile Südfrankreichs, Italiens und mehrere Mittelmeerinseln.

Als Beispiel für die Bedeutung der protoromanischen Sprache für die heutigen romanischen Sprachen zeigt Cheshire eine Textstelle auf, in der er das dort beschriebene „orla la“ als den möglichen Vorläufer der französischen Redewendung „oh là là“ sieht. Andere Begriffe habe er wie folgt übersetzt: tozosr (zu laut), tolora (albern, dumm), noror (wolkig, stumpf, traurig), oleios (geölt, rutschig).

David Cheshire plant nun das mehr als 200 Seiten lange Manuskript vollständig zu übersetzen und ein Lexikon für zukünftige Wissenschaftler zu erstellen, um die sprachliche Bedeutung und den Inhalt des Manuskriptes zu untersuchen. Dies könnte zu weiteren Erkenntnissen über die Entstehung der heute bekannten romanischen Sprachen beitragen.


Du kannst den von der Yale Universität offiziell autorisierten Scan des echten Voynich-Manuskriptes hier bei uns kostenlos als PDF herunterladen. Wir haben auch noch viele weitere interessante alte Bücher zum kostenlosen Download für dich. Viel Spaß beim Stöbern! Du findest alle Dateien nach Kategorien sortiert im Menü unter „Kostenlose Downloads“.

Für alle Sprachinteressierten und Hobby-Linguisten: Eine wissenschaftliche Abhandlung der Universität Zürich über alte Sprachen (Protoromanisch ab S. 15f.) Hier

Unser Buchtipp zum Artikel: „Dinge, die es nicht geben dürfte – Mysteriöse Museumsstücke aus aller Welt“ hier bei Amazon anschauen: