Fußabdruck eines Kindes: Seltener Beweis für subarktisches Leben vor 2.000 Jahren

Dieser kleine Fußabdruck eines Kindes in Alaska ist fast 2.000 Jahre alt und gewährt erstaunliche Einblicke in das noch steinzeitliche Leben am Rande der Welt, als das Römische Reich zur selben Zeit in Europa seine Blütezeit erlebte.

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Der Fußabruck in feuchtem Sediment (links) und in getrocknetem Sediment (rechts), Bild: Gerad Smith, University of Alaska Fairbanks

Der Archäologe Gerad Smith von der University of Alaska Fairbanks und seine Kollegen veröffentlichten im Journal of Archeological Science, dass sie in Swan Point (Zentralalaska) den antiken Fußabdruck eines Kindes entdeckt haben. Sie erklärten, dass ein Fußabdruck aus dieser Zeit so selten ist, dass sie zunächst infrage stellten, dass er überhaupt von einem Menschen stammte.

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Der Fundort nahe Swan Point in Zentralalaska, Bild: alaskapublic.org

Ein uraltes Fichtenrindenhaus

Bereits seit 1991 werden in Swan Point archäologische Ausgrabungen durchgeführt. Im Jahr 2005 fanden die Wissenschaftler eine ovale Hausgrube – den halbunterirdischen Teil eines Fichtenrindenhauses – die ursprünglich von Baumstämmen umstellt und geschützt war. Als sich die Ausgrabungen im Jahr 2018 mehr auf die Hausgrube selbst fokussierten, wurde im Boden des ehemaligen Bauwerks ein ziemlich deutlicher menschlicher Fußabdruck entdeckt. Basierend auf der Radiokohlenstoffdatierung von verbranntem Material in der Hausgrube, stammt der Fußabdruck ungefähr aus dem 2. Jahrhundert n. Chr.

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Die bis ins 19. Jahrhundert gebräuchlichen Rindenhäuser der indigenen Völker in Nordamerika, Bild: Gerad Smith, University of Alaska Fairbanks

Mithilfe von forensischen Methoden versuchten die Wissenschaftler nun so viele Informationen wie möglich aus diesem Fußabdruck zu gewinnen. Untersuchungen ergaben, dass die Person nicht barfuß gewesen ist, sondern eine weiche Sohle trug.

„Der Fußabdruck einer Person, die Schuhe trägt, hinterlässt einen weniger ausgeprägten Abdruck, enthüllt jedoch immer noch viele Informationen.“

Gerad Smith, University of Alaska Fairbanks

Ein 3D-Modell des Fußes

Das Forscherteam nahm einen Gipsabdruck der betreffenden Stelle in der Hausgrube und erstellte mithilfe von Scans ein 3D-Modell des Fußes. Nach der Analyse von bestimmten Orientierungspunkten, konnte der ursprüngliche Fuß genau vermessen werden. Diese Messungen halfen ein biologisches Profil des Individuums zu erstellen, sowie Alter, Geschlecht, Körpergewicht und Statur zu ermitteln.

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A und B zeigen die Messungen des Fußes bzw. des Fußabdrucks, C ist eine traditionelle athabaskische Sohle, Bild: Gerad Smith, University of Alaska Fairbanks

Der Fußabdruck ist lediglich 20,28 cm lang. Da dies unter dem zeitgenössischen Durchschnitt für weibliche und männliche Erwachsene liegt, gehen die Forscher davon aus, dass der Fußabdruck zu einem Kind gehörte.

Anhand der biologischen Untersuchungen von kanadischen Kindern der indigenen Tahltan und Iñupiaq, ermittelten die Wissenschaftler, dass das Kind neun bis zwölf Jahre alt gewesen sein muss und etwa 35,5 kg wog.

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Der Archäologe Gerad Smith säubert den isolierten Fußabdruck, um eine 3D-Rekonstruktion des Fußes zu erstellen, Bild: University of Alaska Fairbanks

Subarktisches Familienglück

Da natürlich kein neunjähriges Kind allein ein Rindenhaus bauen kann, bedeutet die Anwesenheit eines Kindes auch die Anwesenheit von Erwachsenen. Das Haus wurde wahrscheinlich von einem erwachsenen Mann errichtet und dort lebte fortan eine ganze Familie. Vieles deutet darauf hin, dass es der Familie in dieser Region gut ging.

Es gibt jedoch auch Forscher, die daran zweifeln, ob man anhand eines bloßen Fußabdrucks Schlussfolgerungen über die Verfassung des Kindes machen und sogar von einer gut situierten Familie sprechen kann.

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Zwei Mädchen der Ahtna-Athabasken – ein Beispiel für das Leben der indigenen Völker im Norden Amerikas, Bild: Miles Brothers

Kritik an der Interpretation der Daten

„Alle Aussagen, die über die geschätzte Fußlänge hinausgehen, sind zweifelhaft und klingen wie archäologisches Geschichtenerzählen. Ihre spezifischen Behauptungen von einem Kind mit gesunden Füßen bis hin zu einer gesunden Familie haben mich nur verwundert. Diese detaillierten Aussagen werden einfach nicht durch die verfügbaren Daten gestützt.“

Zach Throckmorton, biologischer Anthropologe bei ARCOM

Throckmorton stimmt jedoch zu, dass die Entdeckung des Fußabdrucks von großer Wichtigkeit für das Verständnis der Besiedlung und des Lebens in Alaska ist.

„Ich bin überzeugt, dass sie einen echten menschlichen Fußabdruck haben und stimme zu, dass der Fußabdruck wahrscheinlich von jemandem gemacht wurde, der einen leichteren Schuh wie etwa eine Sandale oder einen Mokassin trug.“

Zach Throckmorton, biologischer Anthropologe bei ARCOM
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Alaskas Wildnis ist bis heute weitestgehend unberührt, Bild: hurtigruten.de

Wichtiger Fund für das Verständnis der indigenen Völker Alaskas

Smith ist jedoch der Meinung, dass die Daten noch viel mehr über die menschliche Vergangenheit in dieser Region verraten können und möchte neue Forschungsfragen diskutieren. Wenn Smiths Behauptungen und die Datierung korrekt sind, und man anhand dieses, wie er sagt, „gut betreuten Kindes“ auf eine ganze Familie schließen kann, dann hätten die Rindenhäuser, die noch im 19. Jahrhundert in Alaska zu finden waren, eine viel längere Geschichte, als bisher angenommen.

„Fußabdrücke scheinen durch alltägliche Aktivitäten eine direkte Verbindung zu früheren Menschen herzustellen. Sie sind etwas persönlicher als Gegenstände, die Menschen zurückgelassen haben.“

Gerad Smith, University of Alaska Fairbanks

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