Dieser Schild aus der Eisenzeit ist „das wichtigste britisch-keltische Kunstobjekt des Jahrtausends“

Auf den ersten Blick hätte man es lediglich für ein schmutziges altes Blech halten können. Doch was sorgfältige Restaurierungsarbeiten zutage förderten, wird von den Wissenschaftlern als „wichtigstes britisch-keltisches Kunstobjekt des Jahrtausends“ bezeichnet. Dabei lag der Fokus der Archäologen zuerst auf einem ganz anderen Fund.

Dieser Schild aus der Eisenzeit ist „das wichtigste britisch-keltische Kunstobjekt des Jahrtausends“, Kelten, Archäologie, Geschichte, Antike, Kunst, Die Vergessene Bibliothek, Anastasia Michailova

Ein außergewöhnliches Bronzeschild aus der Eisenzeit, Bild: MAP Archeological Practice

Im Jahr 2018 wurden in der kleinen Stadt Pocklington in Yorkshire (Großbritannien) die Überreste eines antiken Streitwagens mit zahlreichen Grabbeigaben aus der Zeit um 500 v. Chr. gefunden, bei dem sogar Pferde und Reiter (!) erhalten geblieben sind. Diese Entdeckung sorgte bereits damals für viel Aufsehen und Erstaunen, da es sich um einen einzigartigen Fund handelte. Nur selten wurden Menschen bei sogenannten „Wagenbestattungen“ mit ihren Pferden beerdigt, schon gar nicht im Vereinigten Königreich.

Wir haben damals bereits einen Artikel zu den Ausgrabungen in Pocklington geschrieben, bei dem vorwiegend der Streitwagen im Fokus stand. Der Beitrag kann hier gelesen werden. Nun hat sich jedoch herausgestellt, dass der Schild des bestatteten Kriegers nicht minder von Bedeutung für die moderne Archäologie ist.

Dieser Schild aus der Eisenzeit ist „das wichtigste britisch-keltische Kunstobjekt des Jahrtausends“, Kelten, Archäologie, Geschichte, Antike, Kunst, Die Vergessene Bibliothek, Anastasia Michailova

Die archäologischen Ausgrabungen in Pocklington, Bild: MAP Archeological Practice

Die früheste Form keltischer Kunst

Was die Archäologen damals noch nicht wussten: Vor ihrer Nase verbarg sich noch ein weiteres bedeutendes Artefakt, welches erst durch intensive Restaurierungs- und Konservierungsarbeiten ans Licht kam. Die Archäologin Paula Ware vom Restauratorenteam „MAP Archeological Practice“ ist erstaunt über die Ergebnisse ihrer Arbeit. Sehr bald zeigte sich, dass der 2.500 Jahre alte Schild in die Periode der frühen keltischen Kunst einzuordnen war und im sogenannten „La Tène-Stil“ gestaltet wurde. Die Leder- und Holzbeschläge auf der Rückseite sind leider mit der Zeit verrottet.

Es handelt sich hierbei um ein asymmetrisches Design mit dreifachen Spiralmotiven, welches durch das Hämmern auf ein 75 Zentimeter langes Bronzeblech übertragen wurde. Zudem zeigt der Schild eine muschelförmige Bordüre, die bisher mit keinem anderen Fund aus der Eisenzeit in ganz Europa vergleichbar ist.

Ein einzigartiges Grab

Im Allgemeinen gibt es im gesamten Vereinigten Königreich kein einziges weiteres Grab, bei dem der Tote samt Wagen und Pferden bestattet wurde. Interessanterweise wurde im Jahr 2013 in Svestari im Nordosten Bulgariens eine sehr ähnliche Wagenbestattung entdeckt. Ebenfalls mit den Überresten von Pferden ausgestattet, stammt dieses Grab aus dem dritten oder vierten Jahrhundert vor Christus und ist damit etwas jünger als der neueste Fund aus Großbritannien.

Dieser Schild aus der Eisenzeit ist „das wichtigste britisch-keltische Kunstobjekt des Jahrtausends“, Kelten, Archäologie, Geschichte, Antike, Kunst, Die Vergessene Bibliothek, Anastasia Michailova

Der Schildbuckel des „Wandsworth-Schildes“ – das bisher einzige vergleichbare Objekt, Bild: Wikimedia Commons

Auch der Schild scheint fast ein Ausnahmefund zu sein. Es wurde bisher nur ein einziges vergleichbares Objekt entdeckt. Dabei handelt es sich um den Buckel des sogenannten „Wandsworth-Schildes“, welcher 1849 in der Themse gefunden wurde.

Nicht bloß „Dekoration“

Interessant ist ebenfalls, dass der Schild deutliche Gebrauchsspuren zeigt. Es handelte sich bei dieser Grabbeigabe also nicht um ein reines Zeremonialobjekt. Sein Besitzer scheint den Schild also tatsächlich benutzt zu haben. Die Restauratorin Ware beschreibt, dass solche reich verzierten Schilde eigentlich nur zu „Dekozwecken“ verwendet wurden. Der Schild weist jedoch eine durch ein Schwert zugefügte „Stichwunde“ auf und zeigt Hinweise auf in der Vergangenheit durchgeführte Reparaturen. Dies und die vielen weiteren Faktoren rund um die Bestattung machen diesen Fund zu einer ziemlich außergewöhnlichen Entdeckung.

„Es sind auch Anzeichen von Reparaturen zu sehen, die darauf hindeuten, dass der Schild nicht nur alt war, sondern wahrscheinlich auch gut genutzt wurde.“

Paula Ware, Archäologin, Restauratorin
Dieser Schild aus der Eisenzeit ist „das wichtigste britisch-keltische Kunstobjekt des Jahrtausends“, Kelten, Archäologie, Geschichte, Antike, Kunst, Die Vergessene Bibliothek, Anastasia Michailova

Eine der ersten Aufnahmen des Schildes während der Ausgrabungen in Pocklington, Bild: MAP Archeological Practice

Ware beschreibt zudem, dass der Leichnam „einige stumpfe Gewalttrauma“ aufweist, diese „ihn jedoch nicht getötet“ hätten. Der Bestattete war definitiv ein wohlhabender Krieger, sonst hätte er sich dieses Begräbnis nicht leisten können. Aber er scheint nicht im Kampf gestorben zu sein.

Vielleicht bald schon im Museum zu sehen

Es gibt Bemühungen, den Schild in dem nahegelegenen Burnby Hall Museum auszustellen. Es ist also möglich, dass der Fund in der Region seines Enteckungsortes bleibt.

„Die Ausgrabungen […] sind eine wahrhaft großartige Entdeckung für die britische Geschichte und wir sind der Meinung, dass diese Anerkennung und dieser Fund in der Region verbleiben sollten.“

Scott Waters, Direktor bei Persimmon Homes Yorkshire

Der vollständige wissenschaftliche Bericht wird voraussichtlich im Frühjahr veröffentlicht. Es handelt sich jedoch um solch einen bedeutenden Fund, dass die Forschungen wahrscheinlich noch Jahre andauern werden und die Geschichte um den Krieger und seinen Streitwagen noch nicht zu Ende erzählt ist.


Unser Buchtipp zum Artikel: „Historische Waffen und Rüstungen – Ritter und Landsknechte vom frühen Mittelalter bis zur Renaissance. Mit ihren Waffen, Trachten, Uniformen und Rüstungen“ hier bei Amazon anschauen: