Briefe von Kolumbus weltweit gestohlen und durch Fälschungen ersetzt

Da hat jemand eine ganz besondere Vorliebe: Die extrem seltenen und wertvollen Kolumbus-Briefe sind aus Bibliotheken auf der ganzen Welt gestohlen und durch Fälschungen ersetzt worden. Der raffinierte Diebstahl fiel jahrelang nicht auf.

Briefe von Christoph Kolumbus aus Bibliotheken auf der ganzen Welt gestohlen und durch Fälschungen ersetzt, Geschichte, Amerika, Frühe Neuzeit, Die Vergessene Bibliothek, Anastasia Michailova

Einer der Kolumbus-Briefe, Bild: CBS News

Im Jahre 1492 trat Christoph Kolumbus seine lange Heimreise an, nachdem er zuvor auf dem amerikanischen Kontinent gelandet war. Auf seinem Schiff verfasste er einen Brief an seine Gönner, König Ferdinand und Königin Isabella von Spanien, in dem er seine „Entdeckung der neuen Welt“ beschrieb und um mehr Geld für eine weitere Reise bat. Kolumbus spricht von einem „Wunderland mit zahlreichen Flüssen, Gold und eingeschüchterten Ureinwohnern“. Seine Expedition ist einer der großen Wendepunkte der Geschichte, obwohl man heute weiß, dass Wikinger bereits im Mittelalter bis nach Nordamerika segelten.

Briefe von Christoph Kolumbus aus Bibliotheken auf der ganzen Welt gestohlen und durch Fälschungen ersetzt, Geschichte, Amerika, Frühe Neuzeit, Die Vergessene Bibliothek, Anastasia Michailova

Christoph Kolumbus, posthumes Porträt von Sebastiano del Piombo (1519), Bild: Wikimedia Commons

Nach seiner Rückkehr wurde Kolumbus‘ Brief vielfach gedruckt und in ganz Europa verteilt. Die Nachricht von der „Entdeckung Amerikas“ schlug ein wie eine Bombe und sollte das Leben von Millionen von Menschen diesseits und jenseits des Atlantiks für immer verändern. Der handgeschriebene Originalbrief, der auf hoher See verfasst worden ist, existiert heute nicht mehr. Etwa 30 der im Anschluss gedruckten Exemplare haben die Jahrhunderte aber überdauert. Die meisten von ihnen werden in bekannten Bibliotheken und Archiven aufbewahrt, wo sie zum Teil seit Generationen liegen. Zumindest ging man davon aus.

Briefe von Christoph Kolumbus aus Bibliotheken auf der ganzen Welt gestohlen und durch Fälschungen ersetzt, Geschichte, Amerika, Frühe Neuzeit, Die Vergessene Bibliothek, Anastasia Michailova

Die Unterschrift von Christoph Kolumbus, Bild: Wikimedia Commons

Jeder Brief bis zu $5 Millionen wert

Vor ungefähr 10 Jahren entdeckten die Behörden, dass einige der Briefe gestohlen und durch Fälschungen ersetzt worden waren. Es begann eine transatlantische Suche nach den wertvollen Originalen.

Jay Dillon hat Erfahrung mit dem Handel von seltenen Schriftstücken. Er stuft den Kolumbus-Brief als eines der wichtigsten Dokumente ein, die jemals gedruckt wurden. Er schätzt jeden Brief auf einen Wert von eine bis fünf Millionen Dollar. Dillon war es auch, der den raffinierten Diebstahl zum ersten Mal bemerkte.

Eine langwierige Spurensuche

Als Dillon 2011 auf seinem Heimcomputer nach Kolumbus-Briefen recherchierte, fiel ihm auf, dass das digitalisierte Exemplar der Nationalbibliothek von Katalonien in Barcelona exakt genauso aussah, wie der Brief, den er ein Jahr zuvor bei einem Verkauf gesehen hatte. Sogar die Flecken am Rand des Papiers waren identisch. Dementsprechend konnte etwas nicht stimmen. Mindestens einer der Briefe musste eine Fälschung sein. Bei dieser wurde einfach die Kopie eines echten Kolumbus-Briefes auf altes Papier gedruckt. Bisher war es niemandem aufgefallen.

Briefe von Christoph Kolumbus aus Bibliotheken auf der ganzen Welt gestohlen und durch Fälschungen ersetzt, Geschichte, Amerika, Frühe Neuzeit, Die Vergessene Bibliothek, Anastasia Michailova

Jay Dillon bei seinen Recherchen, Bild: CBS News

„Es war so bemerkenswert, dass ich es zuerst nicht glauben konnte. Von diesem Augenblick an machte ich es mir zur Aufgabe, jedes Original anzusehen, das ich konnte.“

Jay Dillon, Antiquar

Und so wurde Jay Dillon zum Detektiv. Er folgte seinem Instinkt und besuchte die Bibliotheken in Rom und Florenz und warf einen Blick auf ihre Kolumbus-Briefe. Er entdeckte bald weitere Fälschungen. Aus Angst, dass die Benachrichtigung der Bibliotheken den Täter alarmieren könnte, beschloss er stattdessen, seine Informationen an das Justizministerium weiterzuleiten.

„Zu meinem größten Erstaunen war der Kolumbus-Brief in der Vatikanischen Bibliothek eine Fälschung. Und dann ging ich zur Biblioteca Riccardiana in Florenz und verdammt, es war schon wieder passiert. Ihr Kolumbus-Brief war auch eine Fälschung.“

Jay Dillon, Antiquar

Die sicherste Bibliothek der Welt?

Die Vatikanische Apostolische Bibliothek in Rom gilt vielleicht als die am besten vor Diebstählen geschützte Bibliothek der Welt. In den Regalen lagert eine riesige Sammlung historischer Schätze aus 2.000 Jahren Geschichte. Die Sammlung des Papstes ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich und nur für Wissenschaftler bestimmt.

Briefe von Christoph Kolumbus aus Bibliotheken auf der ganzen Welt gestohlen und durch Fälschungen ersetzt, Geschichte, Amerika, Frühe Neuzeit, Die Vergessene Bibliothek, Anastasia Michailova

Die Vatikanische Apostolische Bibliothek in Rom, Bild: EMC

„Ich habe keine Ahnung, wie und wann es passiert sein könnte. Sicher war es eine Operation, die als richtiger Diebstahl geplant und durchgeführt wurde. Aber ich weiß nicht wann oder wie.“

Ambrogio Piazzoni, Vizepräfekt der Vatikanischen Apostolischen Bibliothek

Erste Wiederentdeckungen

Die „US Attorney’s Office of Delaware and Immigration and Customs Enforcement” (ICE) – die Staatsanwaltschaft, die geplündertes kulturelles Erbe und gestohlene Kunstwerke untersucht – gab mittlerweile bekannt vier der gestohlenen Kolumbus-Briefe wiedergefunden zu haben. Wie viele insgesamt tatsächlich gestohlen wurden, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden.

Im Jahr 2016 wurde der Brief der Biblioteca Riccardiana in Florenz ausfindig gemacht. Im Jahr 2018 konnten die US-Behörden der Vatikanischen Bibliothek und der Nationalbibliothek von Katalonien ihre Exemplare des Kolumbus-Briefes zurückgeben.

Briefe von Christoph Kolumbus aus Bibliotheken auf der ganzen Welt gestohlen und durch Fälschungen ersetzt, Geschichte, Amerika, Frühe Neuzeit, Die Vergessene Bibliothek, Anastasia Michailova

Ein Kolumbus-Brief, Bild: Tony Gentile

Zuletzt konnte das Exemplar, welches seit Mitte der 1980er Jahre in der Biblioteca Nazionale Marcania, der öffentlichen Bibliothek in Venedig fehlte, sichergestellt werden. Das berichtete die ICE im Januar dieses Jahres. Ein Sammler hatte den gestohlenen Brief ahnungslos im September 2003 bei einem Buchhändler in den USA erworben. Nun soll der Brief zurück nach Italien gebracht werden. Der Käufer hat sich großzügigerweise bereit erklärt das Schriftstück zurückzugeben. Der Wert des Briefes wird auf über $1,3 Millionen geschätzt.

„Aber der kulturelle und symbolische Wert dieser Objekte übertrifft für die Nationen, denen sie zu Recht gehören, bei weitem den gegebenen Dollarwert. Die Homeland Security Investigation der ICE freut sich, dass das heutige Gerichtsverfahren ein positiver Schritt zur Rückgabe dieses fünf Jahrhunderte alten Briefes von Christoph Kolumbus an die Bevölkerung von Italien ist.“

William Walker, stellvertretender Spezialagent für ICEs Homeland Security Investigations in Philadelphia

Nun geht es darum die verbliebenen Briefe, die seit Jahren vermisst werden, wiederzufinden und den raffinierten Dieb, der ein Insider und Sachkenner sein muss, zu überführen.


Unser Buchtipp zum Artikel: „Der goldene Atlas: Die abenteuerlichen Reisen der großen Seefahrer, Entdecker und Forscher“ hier bei Amazon anschauen: