Antikes Griechenland: Hinrichtungen mit erschreckender Präzision

Archäologen entdeckten auf der Insel Thasos, nahe der ägäischen Nordküste, zahlreiche menschliche Überreste aus dem 4. bis 1. Jahrhundert vor Christus. In den Knochen eines älteren Mannes stießen die Wissenschaftler jedoch auf etwas Seltsames.

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Dieses Skelett ist 2.000 Jahre alt und verbirgt ein skurriles Geheimnis, Bild: Prof. Anagnostis Agelarakis, Adelphi University

Bereits seit dem 7. vorchristlichen Jahrhundert war die Insel Thasos ein wichtiger Teil der griechischen Welt, wie bereits antike Autoren wie Herodot und Thukydides berichteten. Die Bewohner von Thasos bauten zahlreiche Siedlungen und Festungen auf der Insel und gelangten durch ihre Kontrolle der regionalen Seewege zu Macht und Reichtum. Archäologische Ausgrabungen der „Hellenic Antiquities Authority“ konnten dies im Verlauf der vergangenen zehn Jahre bestätigen.

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Satellitenaufnahme der Insel Thasos an der Nordküste Griechenlands, Bild: Public Domain

Mehrere Familiengräber entdeckt

Bei Ausgrabungen auf einem antiken Friedhof auf Thasos im Jahr 2002 wurden mehrere hellenistische und römische Familiengräber entdeckt. Dort wurden Männer und Frauen jeden Alters begraben. Ein bestimmtes Skelett unterschied sich jedoch von den anderen und erregte erst kürzlich viel Aufmerksamkeit. Der Archäologe Anagnostis Agelarakis von der Adelphi University studierte diese Knochen bis ins kleinste Detail und veröffentlichte seine Ergebnisse in der „Archaeopress“.

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Moderne Zeichnung eines griechischen Kriegers nach dem Vorbild antiker Keramik, Bild: migfoto

Ein Skelett ist „anders“

Agelarakis stellte fest, dass es sich um ein männliches Skelett handelte. Aufgrund des degenerativen Verschleißes seiner Gelenke und Zähne muss der Mann wahrscheinlich über 50 Jahre alt gewesen sein. Seine robusten Knochen deuten darauf hin, dass er körperlich sehr aktiv gewesen ist und schwer arbeitete, was für griechische Männer der Antike jedoch üblich gewesen ist. Als die Knochen im Labor des Archäologischen Museums der Insel Thasos gereinigt wurden, bemerkte Agelarakis etwas Seltsames.

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Das untere Brustbein eines alten Mannes aus dem antiken Thasos – Links: Vorderansicht, Rechts: Rückansicht, Bild: Prof. Anagnostis Agelarakis, Adelphi University

Im unteren Brustbein des alten Mannes befand sich ein Loch. Für dieses Loch gibt es laut den Wissenschaftlern nur zwei Erklärungen. Es kann einerseits tatsächlich sein, dass bestimmte Löcher in Knochen genetisch bedingt sind und über Generationen hinweg vererbt werden. Dieser Umstand ist für Bioarchäologen sehr nützlich, weil sie dadurch genetische Beziehungen verfolgen können, ohne destruktive DNA-Analysen durchführen zu müssen. Die Anomalie eines Lochs im unteren Brustbein wird als „Foramen sternale“ bezeichnet und tritt bei etwa 5 Prozent der Weltbevölkerung auf. Agelarakis glaubt jedoch nicht an eine genetische Ursache.

„Es wurde sofort klar, dass dieser Fall keine Entwicklungsanomalie des Foramen sternale ist, sondern eine mehrstufige mechanisch verursachte Öffnung ist, die durch eine Verletzung des unteren Brustbeins entstand.“

Anagnostis Agelarakis, Professor an der Adelphi University
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Moderne Zeichnung eines griechischen Kriegers nach dem Vorbild antiker Keramik, Bild: migfoto

Eine mysteriöse „siebenseitige Eintrittswunde“

Bei genauerer Untersuchung ist ganz deutlich eine siebenseitige Eintrittswunde zu sehen. Zudem gibt es keine Hinweise auf Heilungsprozesse. Der Mann ist also wahrscheinlich mit erschreckender Präsizion durch einen Stoß in die exakte Mitte des unteren Brustbeins erstochen worden.

Patrick Randolph-Quinney, forensischer Anthropologe an der University of Central Lancashire ist nicht vollständig von der siebenseitigen Eintrittswunde überzeugt, spricht jedoch trotzdem von einem „durchdringenden Perimortem-Trauma“ (vor dem Tod). Die Austrittswunde auf der Rückseite des Brustbeins findet er hingegen viel interessanter. Diese weist nämlich scharfe Knochenkanten auf, die den Wissenschaftlern zufolge ein Formamen sternale und eine postmortale Verletzung (nach dem Tod) ausschließen. Flache Knochen wie das Brustbein reagieren anders auf Traumata als Schädel-, Arm- oder Beinknochen.

„Nach meiner Erfahrung ist es bei Pfeil- oder Armbrustwunden so, dass sie (die Pfeile) sich durch flache Knochen hindurchschlagen und scharfe Ränder auf der Eingangs- und Ausgangsoberfläche hinterlassen, ähnlich wie auf den Fotos in Agelarakis‘ Artikel. Ich denke, er hat recht mit der Verletzung, aber vielleicht aus den falschen Gründen.“

Dr. Patrick Randolph-Quinney, forensischer Anthropologe an der University of Central Lancashire

Die Suche nach der tödlichen Waffe

Agelarakis gab sich jedoch nicht damit zufrieden die Todesart festgestellt zu haben. Er wollte wissen, welche Waffe diese seltsame siebenseitige Eintrittswunde konkret im Knochen verursacht haben könnte. Aus diesem Grund rekonstruierten Agelarakis und seine Kollegen die Form der Waffe, indem sie mithilfe von Abdrücken aus dem Knochen ein 3D-Wachs-Modell herstellten.

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Eine Zeichnung des Speeres (Styrax), der die tödliche Wunde verursacht haben könnte, Bild: Prof. Anagnostis Agelarakis, Adelphi University

Hieraus schlussfolgerten die Wissenschaftler, dass es sich bei der Waffe um einen Speer (Styrax) gehandelt haben muss, der mit einer Kraft von etwa 230 Kilogramm in den Mann gestoßen wurde und ein 1,5 X 1,1 cm großes siebenseitiges Loch hinterließ.

Zu diesem Ergebniss kamen Agelarakis und seine Kollegen nach weiteren Tests mit einer Waffe, die sie nach dem Abbild der Wunde nachbauten. Sie führten Versuche an einem menschlichen Modell durch, welches in der Ballistik verwendet wird.

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Dieser Dummy half bei der Aufklärung des ‚antiken Mordfalls‘, Bild: Prof. Anagnostis Agelarakis, Adelphi University

„Ich vermute, dass es sich hier um eine Gewaltverletzung aus unmittelbarer Nähe handelte, bei der der Mann zuvor bewegungsunfähig gemacht worden war. Möglicherweise mit gefesselten Händen auf dem Rücken, um einen anatomisch akkurat kalkulierten, präzise positionierten und gut ausgeführten Kontaktstoß in die untere Mittelfellraum-Region (Mediastinum) des Thorax zu verrichten.“

Anagnostis Agelarakis, Professor an der Adelphi University

Im Endeffekt verursachte die Person, die den Speer schwang, eine tödliche Wunde in der Brust des Mannes, die unweigerlich zum Ausbluten und zum Herzstillstand führte. Agelarakis geht mit ziemlicher Sicherheit davon aus, dass es sich hier um „eine vorbereitete Hinrichtung“ handelte.

Warum zur Todesstrafe verurteilt?

Der alte Mann von Thasos wurde in einem einzelnen Grab zwischen mehreren Familiengräbern beigesetzt. Es deutet nichts darauf hin, dass er nach dem Tod anders behandelt wurde, als andere Mitglieder seiner Gesellschaft.

„Ich glaube nicht, dass man ihn zur Todesstrafe verurteilte, weil er ein Verräter oder Verschwörer war. Vielmehr kann vermutet werden, dass sein vorzeitiger und gewaltsamer Tod das Ergebnis eines politisch-militärischen Aufruhrs oder von Repressalien gewesen sein könnte, die durch gewaltsame Regimewechsel während der hellenistischen Ära verursacht wurden. Obwohl man diesen Mann erstach, war er wahrscheinlich doch von hohem Ansehen und ist als würdiger Gegner anerkannt worden“.

Anagnostis Agelarakis, Professor an der Adelphi University

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