Altes Ägypten: Abgetrennte Hände im Tausch gegen Gold

Archäologen haben in den Überresten einer altägyptischen Stadt zahlreiche etwa 3.600 Jahre alte skelettierte abgetrennte Hände entdeckt. Dieser Fund liefert den Beweis für eine bereits seit langem vermutete grausame Praxis.

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Eine von insgesamt 16 abgetrennten Händen in einem altägyptischen Palast, Bild: Axel Krause

In der antiken Stadt Auaris (altägyptisch „Hut-waret“, heute „Tell el-Dab‘a“) im östlichen Nildelta, entdeckten Archäologen insgesamt 16 abgetrennte Hände aus der Zeit um 1.600 vor Christus. Die Überreste wurden in mehreren Gruben des Thronsaals eines ehemaligen königlichen Palastes beigesetzt. Unter den Knochen befinden sich ausschließlich rechte Hände und keine einzige linke Hand. Manfred Bietak, Leiter der Ausgrabungen, erklärte, dass die Hände außerdem ziemlich groß sind. Einige seien sogar außerordentlich groß.

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Tell el-Dab’a heute, Bild: Public Domain

Der Fund stammt aus einer Zeit, in der angenommen wird, dass die „Hyksos“ über diesen Teil Ägyptens herrschten. Die „Hyksos“ (altägyptisch: „Herrscher der Fremdländer“) waren eine Gruppe ausländischer Könige, die das Nildelta in Teilen kontrollierten. Womöglich stammten sie ursprünglich aus Nordkanaan. Sie machten Auaris später zu ihrer neuen Hauptstadt. Zur Zeit als die abgetrennten Hände begraben wurden, regierte der Hyksos-König Khayan über dieses Gebiet.

Beweis für eine seit langem vermutete grausame Tradition

Die jüngste Entdeckung liefert den physischen Beleg für eine bereits seit langem vermutete grausame Praxis. Bereits in altägyptischer Schrift und Kunst wurde dargestellt, dass ein Soldat die abgeschnittene rechte Hand eines Feindes gegen Gold eintauschen konnte.

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Mehrere abgetrennte Hände in der Grube eines altägyptischen Thronsaals, Bild: Axel Krause

„Unsere Beweise sind die frühesten Beweise und die einzigen physischen Beweise überhaupt. Jede Grube repräsentiert eine Zeremonie.“

Prof. Manfred Bietak, Leiter der archäologischen Ausgrabungen, Universität Wien

Das Abschneiden der rechten Hand diente gleich mehreren Zwecken. Einerseits wurde dadurch das Zählen der Opfer erleichtert. Auf der anderen Seite war dies ein symbolischer Akt, um einem Feind seine Kraft zu nehmen. Diese grausame Vorgehensweise fand unter den Hyksos, aber auch unter den Ägyptern ihre Anwendung.

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Wandrelief am Totentempel des Ramses III. – Die abgetrennten Hände von Feinden liegen auf einem Haufen und werden gezählt, Bild: Imgur

Wem genau diese Hände einst gehörten ist heute schwer zu sagen. Es könnten Ägypter gewesen sein. Oder aber Menschen aus der Levante, die sich im Krieg mit den Hyksos befanden.

Altägyptische Inschriften

Eine Inschrift an der Grabwand von Ahmose, dem Sohn des Ägypters Ibana, beschreibt das Vorgehen im Rahmen eines Feldzuges gegen die Hyksos. Die Inschrift wurde nur 80 Jahre nach Beisetzung der in diesem Artikel beschrieben 16 Hände verfasst:

„Ich habe Hand um Hand gekämpft. Dann habe ich eine Hand mitgenommen. Sie wurde dem königlichen Herold gemeldet.“

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Abdrücke der Hände im Boden, Bild: Axel Krause

Für seine Bemühungen bekam der Krieger „das Gold der Tapferkeit“. Später erbeutete Ahmose in einem Feldzug gegen die Nubier im Süden des Reiches gleich drei Hände und wurde sogar mit „Gold in doppeltem Maße“ belohnt.

Genaue Herkunft des Händeabscheidens unbekannt

Wissenschaftler sind sich heute nicht sicher, wie diese fragwürdige Tradition begonnen hat. In der wahrscheinlichen Heimat der Hyksos, im Norden Kanaans, wurden bisher keine Aufzeichnungen dazu gefunden. Es könnte sich, so Bietak, um eine ägyptische Tradition handeln, die einfach aufgegriffen wurde, oder umgekehrt. Das Händeabschneiden gegen Gold könnte aber auch von einem ganz anderen Ort stammen.

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Die Narmer-Palette, Prädynastische Periode um 3.000 v. Chr., Bild: Public Domain

Tatsächlich waren abgeschnittene oder abgehackte Feindeshände im Nildelta des 2. Jahrtausends vor Christus nichts Ungewöhnliches. Die sogenannte „Narmer-Palette“ zeigt bereits vor 5.000 Jahren, wie grausam Gefangene behandelt wurden. Auf dieser „Prunkpalette“ ist zu sehen, wie der frühägyptische Pharao Narmer einem vor ihm knienden Mann den Kopf zerschlagen will. Unter dem Herrscher liegen bereits zwei Tote.

Die brutale Behandlung von Gefangenen und Feinden ist nichts kulturspezifisches, sondern tragischerweise allgemein bekannt. Die Grausamkeiten äußerten sich zu verschiedenen Zeiten und bei unterschiedlichen Völkern manchmal auf ihre ganz eigene Art.


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