Ägypten: 1.700 Jahre alte Socken und die Mode im Land der Pharaonen

Wie Menschen in der Antike bunte Kindersocken herstellten und warum der umstrittene Trend von Socken mit Sandalen vielleicht viel älter ist, als gedacht.

Ägypten: 1.700 Jahre alte Socken und die Mode im Land der Pharaonen, Geschichte, Archäologie, Antike, Die Vergessene Bibliothek, Anastasia Michailova

Eine bunt-gestreifte Kindersocke aus dem Alten Ägypten, Bild: British Museum

Es gibt alte Socken … und dann gibt es WIRKLICH alte Socken. Dieses gestreifte Exemplar, das um das 3. oder 4. Jahrhundert nach Christus weggeworfen wurde, fällt wohl in die letzte Kategorie. Die Socke wurde während der archäologischen Ausgrabungen des englischen Papyrologen John de Monins Johnson im Auftrag des „Egypt Exploration Fund“ von 1913 bis 1914 aus einer antiken Mülldeponie in der ägyptischen Stadt Antinooupolis gefischt und landete bald in den Sammlungen des British Museum in London.

Man konnte schnell das Alter dieses „ungewöhnlichen Artefaktes“ bestimmen, aber dabei blieb es auch. Ansonsten war nichts weiter über die Socke und ihr Gegenstück bekannt. Die zweite Socke ging wohl einfach mit der Zeit verloren. Trockner, die als Hauptverdächtige für das Mysterium des Sockenverschwindens infrage kommen, gab es im Alten Ägypten noch nicht. Die Menschen hatten andere Probleme.

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Detailaufnahmen der Socke mithilfe von „multispektraler Bildgebung“, Bild: Joanne Dyer

Untersuchung mit neuesten Technologien

Nun nahmen sich einige Forscher der Socke an und untersuchten das gute Stück etwas genauer. Eine Gruppe von Museumswissenschaftlern wollte die Herstellung von antiker ägyptischer Kleidung und den Handel mit dieser nachvollziehen und analysierte den Stoff der Socke aus Antinooupolis zusammen mit anderen Textilien aus der Zeit von 250 bis 800 n. Chr.

Die Wissenschaftler verwendeten dabei die sogenannte „multispektrale Bildgebung“, bei der die Oberfläche von Artefakten gescannt wird und kleine Dinge, wie etwa feine Pigmente, sichtbar werden, die ansonsten mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen sind. Mit dieser Technik lassen sich selbst winzigste Farbspuren nachweisen. Man kann sich die „multispektrale Bildgebung“ wie eine Kamera für unsichtbare Tinte vorstellen.

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Detailaufnahmen der Socke mithilfe von „multispektraler Bildgebung“, Bild: Joanne Dyer

Ein großer Aufwand für eine kleine Socke

Die Analyse ergab, dass die Socke aus sieben verschiedenfarbigen Wollgarnen besteht, die zu einem akribischen Streifenmuster miteinander verwoben wurden. Laut Joanne Dyer von der State University of New York, die zugleich Hauptautorin der Studie ist, wurden dabei nur drei natürliche Farbstoffe auf pflanzlicher Basis verwendet: Krappwurzeln für Rot, Bestandteile von Indigo-Pflanzen für Blau und Gilbkraut für Gelb, wie die Wissenschaftler in der Zeitschrift „PLOS ONE“ veröffentlichten. Allein aus diesen drei Farben konnten weitere Farbtöne wie Grün, Lila und Orange hergestellt werden. In einigen Fällen wurden verschiedenfarbige Fäden zusammengesponnen, in anderen Fällen bekamen einzelne Garne einfach mehrere Farbbäder.

Dieser ganze Aufwand für die Herstellung einer so kleinen Socke ist bemerkenswert. Aufgrund der Größe und des Aussehens des Kleidungsstückes glauben die Forscher, dass es sich hier um eine Socke für ein Kind gehandelt hat. Dieser Fund bietet also einzigartige Einblicke in die Kindermode im Land der Pharaonen vor etwa 1.700 Jahren, als diese winzige Socke noch kleine Kinderfüßchen wärmte.

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Eine alte Zeichnung der Ruinen von Antinooupolis aus dem Jahre 1809. Die Stadt liegt etwa 300 km südlich von Kairo, Bild: Description de l’Égypte.

Artefakt aus einer Zeit großen Wandels

Die Socke stammt jedoch auch aus einer Zeit tiefgreifender politischer und gesellschaftlicher Umbrüche. Das Ägypten der Spätantike war zahlreichen Veränderungen unterworfen, die durch die muslimische Eroberung im frühen Mittelalter ihren Höhepunkt fanden. Der Islam prägt die Menschen am Nil bis heute.

„Diese Ereignisse wirken sich auf die Wirtschaft, den Handel und den Zugang zu Materialien aus. Dies spiegelt sich in der technischen Zusammensetzung der Kleidung und der Herstellung dieser Objekte wider.“

Joanne Dyer, State University of New York

Socken in der Steinzeit

Wissenschaftler nehmen an, dass Socken bereits seit der Steinzeit einen essenziellen Bestandteil der Garderobe unserer Vorfahren darstellten. Dabei waren die ersten „Socken“ – wenn man sie überhaupt so nennen kann – nicht viel mehr als Tierfälle und -häute, die um die Füße gewickelt wurden. Ohne warme Füße hätten es die Menschen, insbesondere in den nördlichen Teilen Europas, ziemlich schwer gehabt. Socken und gutes Schuhwerk wurden dementsprechend also zu einer Existenzgrundlage, selbst wenn sie den „modernen“ Socken aus unserer Zeit nicht wirklich ähnlich sahen.

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Der älteste jemals gefundene Lederschuh, Alter: 5.500 Jahre, Fundort: Armenien, Bild: Gregory Areshian

Einzigartige alte „Strick“-Technik

Da gleichen die Modelle der alten Ägypter wohl eher unseren modernen Fußwärmern. Für ihre Socken verwendeten sie eine „Einnadel-Schlaufentechnik“, die auch als „Nålbindning“ bezeichnet wird, was im mittelalterlichen Skandinavien ebenfalls sehr beliebt war. Diese Technik unterscheidet sich vom Stricken und Häkeln, wird umgangssprachlich aber auch als „knotenloses Stricken“ bezeichnet.

Im Fall der ägyptischen Kindersocke wurde der große Zeh von den übrigen vier Zehen in der Socke getrennt, was für antike Socken aus der Zeit üblich gewesen ist. Diese „Sockenanatomie“ deutet darauf hin, dass der heute umstrittene Trend von Socken mit Sandalen vielleicht älter ist, als wir vermutet haben.

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Ein anderes durch Nålbindning hergestelltes Socken-Paar aus Ägypten, 300-500 n. Chr., Bild: David Jackson

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